Ich lasse diese Datei von 2001 zum Aufrufen, damit später keiner sagen kann, er hätte nichts gewusst.
Seit 2001 hat sich die Lage nur verschlechtert.

Risse in der Wohlstandsfassade
Bundespräsident Rau über den "Schandfleck" Armut

Wer in diesen Tagen einen Fuß in deutsche Fußgängerzonen setzen muss, ist nicht zu beneiden. Menschenmassen wälzen sich dort, mit Tüten bepackt, von früh bis spät bis zur Erschöpfung durch die proppevollen Geschäftsstraßen. Vorweihnachtlicher Kaufrausch. Nichts ist zu spüren von Wirtschaftskrise und schmalen Geldbeuteln. Kein Wunder, belegen doch verschiedene Untersuchungen, dass die Deutschen immer reicher werden. Das Nettovermögen privater Haushalte wird auf nahezu 13 Billionen Mark geschätzt - soviel wie nie zuvor.
Freilich: Wer ein wenig genauer hinschaut, entdeckt deutlich sichtbare Risse in der scheinbar prachtvollen Wohlstandsfassade. Denn das Geld ist nicht gleichmäßig unter den Menschen in der Republik verteilt. Im Gegenteil - die Schere zwischen Arm und Reich geht jedes Jahr weiter auseinander. Zehn Prozent der Bevölkerung verfügen mittlerweile über rund die Hälfte des Geldvermögens und des Grundbesitzes. Dem gegenüber stehen beispielsweise eine Million Kinder, die von Sozialhilfe leben sowie eine halbe Million Männer, Frauen jungen und Mädchen, die kein Dach über dem Kopf haben. Bundespräsident Johannes Rau hat diesen unhaltbaren Zustand am Donnerstag in einer bemerkenswerten Rede scharf kritisiert. "Reichtum ist wahrlich keine Schande", gab das Staatsoberhaupt in ungewöhnlich scharfer Form zu bedenken, "aber Armut ist ein Menetekel und ein Schandfleck für die ganze Gesellschaft".
Rau warnte zugleich vor dem Versuch, die Armut in Deutschland "mit politischer Rhetorik" oder "mit statistischen Tricks wegzudefinieren". Natürlich sind die unerträglichen
Lebensumstände in Afrika oder Asien nicht vergleichbar mit dem, was wir in den reichen westlichen Ländern unter Armut verstehen. Deshalb ist in den EU-Ländern die Rede von "relativer Armut". Die Europäische Kommission hat 1981 die relativen Armutsgrenzen festgelegt. Danach ist arm, wessen Einkommen nur 50 Prozent oder weniger des durchschnittlichen Haushaltseinkommens beträgt. In Deutschland wird statt der Einkommens- die Sozialhilfestatistik herangezogen. Das hat jedoch zur Folge, dass jene Menschen, die zum Beispiel aus Scham keine "Stütze" beantragen, in der Statistik nicht berücksichtigt werden. Je nach Definition werden so bis zu zwölf Millionen Bundesbürger als arm bezeichnet. Als größtes Armutsrisiko in unserem Land gelten Kinder. 23 Prozent der Sozialhilfeempfänger sind alleinerziehende Frauen. Bundespräsident Rau sieht darin zu Recht "einen Skandal".
Der Frankfurter Sozialwissenschaftler Michael Erler warnt in diesem Zusammenhang vor dem Trugschluss, einen selbst könne es nicht treffen. Seinen Erkenntnissen zufolge werden immer mehr Menschen zu Sozialhilfeempfängern, die nicht damit gerechnet hätten. Sein pessimistisches Fazit: "Die sozialen Risiken im Lebenslauf nehmen zu. Armut franst nach oben hin in die Mittelschicht hinein aus."
Armut hat viele Ursachen und viele Gesichter. Daher gibt es keinen Königsweg, der zu mehr sozialer Gerechtigkeit führt. Armutsbekämpfung muss sich deshalb auf mehrere Politikbereiche erstrecken: Bildung, Arbeitsmarkt, Familie... Allerdings ist nicht allein die Politik gefordert. Wir alle sollten uns fragen, welchen Wert heute beispielsweise noch Solidarität besitzt. Denn bei aller Verpflichtung des Staates, für Chancen- und Teilhabegerechtigkeit seiner Bürger zu sorgen, darf eines nicht vergessen werden: "Die Bereitschaft von Menschen, etwas für andere und für sich zu tun, ist durch nichts zu ersetzen" - wer wollte dem Bundespräsidenten da widersprechen?
Michael Reinhard in SW Tagblatt 15.12.2001