Hesselbach

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Stefan Berg: Trommler der Hoffnung

Essay Anmerkungen eines Lebenswilligen zur Debatte über Sterbehilfe
Am 11. April fuhr ich in die Parkinsonklinik in Beelitz-Heilstätten. Chefarzt Georg Ebersbach, der mich seit Jahren begleitet, hatte mich um eine kleine Rede gebeten. Die Klinik feierte ihr 20-jähriges Bestehen. Außerdem ist der 11. April der Welt-Parkinson-Tag. »Bitte helfen Sie Menschen, das Geschenk des Lebens auch da zu suchen, wo es nicht so leicht zu finden ist«, so schloss mein Plädoyer für »einen anderen Blick auf das Kranksein«. Die Veranstaltung endete ausgelassen. Eine Gruppe an Parkinson erkrankter Frauen und Männer trat auf, gemeinsam mit einem Musiktherapeuten. Sie trommelten lautstark und rhythmisch auf großen Bällen. Ein wundervoller Lebenslärm. Georg Ebersbach lachte: »Da habt ihr den Parkinson in Angst und Schrecken versetzt.« Die Trommler und mein kleiner Vortrag hatten dieselbe Botschaft: Wir leben, und zwar nicht nur »noch«.
An diesem Abend fand ich ein Manuskript zum Thema Sterbehilfe in meinen Mails. Ein Kollege bat mich, es zu lesen. Mir war nach vielem zumute an diesem Abend, nur nicht nach Sterbehilfe. Ich legte den Text schnell wieder weg. Meine Lebensfreude wollte ich mir nicht verderben lassen. Und nicht meine Vorfreude auf Ostern, das Fest der Auferstehung, der Blütenpracht, der Vogelstimmen, der Freude an langen Spaziergängen. Am nächsten Morgen sah ich mir die Mail wieder an. Und mir wurde klar, warum ich die Geschichte, die einen Tag später im SPIEGEL erschien, lesen sollte.
Der Anlass war eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht. Es verhandelt, ob geschäftsmäßiges Helfen beim Suizid in Deutschland verboten bleiben soll. Die beiden Protagonisten in diesem Bericht, die Sterbehilfe wünschten, sind Menschen, die an Parkinson erkrankt sind - wie ich, wurde 1964 in Ost-Berlin geboren, schrieb in der DDR für Kirchenzeitungen, seit 1996 beim SPIEGEL. 2008 wurde bei ihm Morbus Parkinson diagnostiziert.
Ich erschrak. Der Text bedrückte mich. Müssen gleich zwei Menschen mit Suizid absicht dieselbe Krankheit haben, und dann ausgerechnet »meine«? Ich dachte an meine Familie. Was würden die Kinder denken, wenn sie solch einen Text läsen? Der Kontrast zwischen dem an diesem Tag Gelesenen und dem zuvor Erlebten bescherte mir unruhige Stunden. Ich werde über Menschen, die ich nicht kenne, nicht urteilen. Ich kann zum Glück nicht einmal ahnen, wie es ist, wenn das Leben oder das, was davon übrig ge blieben ist, nicht mehr erträglich scheint. Und doch fühle ich mich - so seltsam es klingen mag - verraten.
Parkinsonkranke als Vorreiter der Sterbehilfe? Im Jahr elf nach der Diagnose ist mein Leben darauf ausgerichtet, nicht nur den Verlust zu sehen, den eine solche Krankheit natürlich mit sich bringt. Ich nenne sie nicht unheilbar, sondern lebensbegleitend. Das klingt nach friedlicher Koexistenz, nicht nach Krieg.
Mein Arzt hat mir geraten, meine Kraft nicht in einer falschen Schlacht aufzubrauchen. Ein guter Rat. Ich genieße die Nähe der mir nahen Menschen, ich versuche, mich am Auferstehungsglauben aufzurichten und in jedem Morgen eine kleine Auferstehung zu sehen. Wenn ich hier versuche, Auskunft zu geben über die Hoffnung, die in mir ist, dann ist es am Glauben nicht allein das Ungefähre und Transzendente, das alles Irdische relativiert und Trost bietet. Es erscheint mir vielmehr sehr vernünftig zu glauben. Diese Vernunft besteht für mich darin, mir nicht alles selbst aufhalsen zu müssen, sondern von einer Instanz auszugehen, die jenseits der Grenzen wirkt, denen mein Leben unterliegt. Das Geheimnis des Lebens, so hoffe ich, besteht über mein eigenes Leben hinaus.
Matthias Claudius hat es vor Hunderten von Jahren so besungen: »Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehen.«
Auf der Suche nach der Quelle meines Unbehagens über die Sterbehilfe - schon das Wort ist mir unbehaglich - lese ich noch einmal, was ich in der Klinik in Beelitz-Heilstätten vorgetragen habe.
Von Thomas Mann habe ich einen eindringlichen Text zur Dankbarkeit zitiert: »Empfänglichkeit für die Anerbietungen des Lebens, die großen und kleinen, für einen Scherz, ein gutes Mahl, für einen Frühlingstag, einen Blick, eine Stimme. Es gibt auch eine Dankbarkeit für das Schwere und Dunkle im Leben. Niemand ist dankbarer als ein Leidender, ja, man könnte sagen, dass Dankbarkeit der Leidensfähigkeit entstammt, und dass sich die Fähigkeit zu ihr daran bemisst, wie tief einer geitten hat.«
Literatur ist für mich eine Apotheke geworden, für die ich kein Rezept benötige. Und diese Medizin bedarf keines Beipackzettels.
In Geschichten von Rainer Maria Rilke erfährt der Leser von einem Mann mit dem Namen Ewald. Er wird als »lahm« beschrieben und fungiert in den Episoden als Zuhörer des Erzählers: »Was für eine Freude ist es doch, einem lahmen Menschen zu erzählen. Gott hat Sie, Ewald, dazu bestimmt, ein ruhiger Punkt zu sein mitten in aller Hast. Fühlen Sie nicht, wie alles sich um Sie bewegt? Die anderen jagen den Tagen nach, und wenn sie mal einen erreicht haben, sind sie so atemlos, dass sie gar nicht mit ihm sprechen können. Sie aber, mein Freund, sitzen einfach an Ihrem Fenster und warten; und den Wartenden geschieht immer etwas.«
Diese Texte sind voller Wärme und Kraft. Manche Sätze scheinen wenig in unsere Zeit zu passen. Dankbarkeit für das Dunkle? Und ein Mensch, den »Gott« bestimmt hat, ein ruhiger Punkt zu sein?

Quelle DER SPIEGEL Nr. 17 / 20. 4. 2019