Evang Morgenfeier Werner Küstenmacher Religion und Kirche 24 01 2016

Evangelische Morgenfeier vom 24.01.2016 (Septuagesimae) Pfarrer Werner Küstenmacher, Gröbenzell

Mitgefühl

Einen eigenartigen Streit erleben wir seit einigen Monaten in unseren Land, liebe Hörerinnen und Hörer. Einen Streit um gute Taten. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte letzten Sommer im Blick auf die riesigen Flüchtlingszahlen gesagt: „Wir schaffen das." Drei Worte, die wahrscheinlich auf ewig mit ihr verbunden sein werden, und um die seitdem erbittert gestritten wird. Angela Merkel stammt, wie alle wissen, aus einem evangelischen Pfarrhaus. Deutlich wie selten bekennt sie sich seit diesem Sommer zu ihrer Überzeugung als Christin. Ein paar Worte zur Vorgeschichte dieses Satzes: Am 27. August letzten Jahres war auf dem Pannenstreifen der Autobahn A4r südöstlich von Wien, ein LKW mit ungarischem Kennzeichen gefunden worden. Im Laderaum entdeckte die Polizei bereits verwesende Leichen. „20, 30 oder mehr vermutlich beim Transport erstickte Flüchtlinge", hieß es in den ersten Meldungen. Nach einer für die Gerichtsmediziner bestimmt entsetzlichen Untersuchung stellte sich heraus: Es waren viel mehr. 71 Menschen hatten so den Tod gefunden, durch kriminelle Schlepper bei ihrer Flucht in ein angeblich sicheres, hochentwickeltes westeuropäisches Land.

Diese schreckliche Meldung ging fast ein wenig unter im traumhaft schönen Wetter dieses Sommers. Hätten Sie die Zahl der Toten noch gewusst? Aber das Schicksal dieser 71 Menschen berührte das Herz der obersten deutschen politischen Führungskraft. In Budapest warteten zu dieser Zeit Tausende Flüchtlinge auf die Weiterreise nach Österreich und Deutschland. Am Samstag, dem 5. September, telefonierte Merkel mit dem ungarischen Regierungschef Orbän und dem österreichischen Kanzler Faymann. Man beschloss, die Weiterreise der Flüchtlinge zuzulassen.

Das Willkommenswochenende in München

Als die ersten Flüchtlinge aus Budapest im Münchner Hauptbahnhof eintreffen, werden sie mit Beifall und Jubel empfangen. Viele ehrenamtliche Helfer stehen bereit, alles ist organisiert. Der Papst, die New York Times, das UN-Flüchtlingshilfswerk. alle sind voll des Lobes über die Münchner. Ich habe mir das Wochenende 5/6 September 2015 in meinem Kalender groß angestrichen. Selten war ich so stolz, in München zur Welt gekommen zu sein -der Stadt, in die meine Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg aus der sowjetischen Besatzungszone geflohen waren, und in der sie sich von Anfang an willkommen gefühlt haben.

Willkommen und zu Hause gefühlt habe ich mich vom ersten Hören an bei dem blinden Musiker Stevie Wonder. Mir war. als hatte er seine Lieder direkt für mich gemacht. „Zeig deine Liebe", singt er hier, „halt deine Gefühle nicht zurück, sie kommen von deinem Herzen.

Um die Ereignisse der letzten Monate zu recherchieren, habe ich die Begriffe „Merker und „Wir schaffen das" bei Google eingegeben - und war entsetzt. Dieser Satz ist zum Auslöser enormer Wut geworden. „Ein verhängnisvoller Fehler" erscheint als erstes Stichwort, geschrieben von einem deutschen Politmagazin. Es folgen Stichworte wie: „realitätsfremd", „Sprücheklopferin", „völlig abgehoben", „Schall und Rauch", „Lügnerin", und Schlimmeres.

Der Tenor der Beiträge: Die Faulen und Habenichtse der Welt würden durch solche unhaltbaren Versprechungen ins Land gelockt. Wir werden ausgenützt, betrogen, bestohlen, belästigt, wir verlieren unseren Wohlstand und unsere Identität.

Was ist da passiert? Eine Politikerin war angerührt vom Schicksal vieler Tausend Menschen, die bei der Flucht nach Europa ertrunken oder auf qualvolle Weise erstickt sind. Sie hat Mitgefühl empfunden. Weil sie Christin ist? Weil sie eine Frau ist? Weil sie weiß, dass Politik ohne Mitgefühl unmenschlich ist? Weil sie eine tiefe menschliche Verpflichtung spürt? Oder einfach, weil in Artikel 16 des deutschen Grundgesetzes steht: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht"?

Gibt es eine Antwort aus der Bibel?

Wie auch immer, seitdem ist eine Debatte entbrannt, zu der wir Christen nicht schweigen dürfen. Es gibt so viel Leid und Not auf der Welt, da müssen wir helfen. Nun rückt dieses Leid immer näher, die Hilfesuchenden kommen direkt in unser Land. Wir spüren, dass wir nicht jedem werden helfen können - und das spüren alle, auch die. die nach wie vor zu dem Satz „Wir schaffen das" stehen.

„Wer hilft, hilft immer zu wenig", mahnt der Sozialwissenschaftler und Theologe Gunnar Heinsohn. „Wer eine Million aufnimmt", sagt er, „muss sich rechtfertigen, warum er nicht noch weitere Millionen ins Land lässt." Eine traurige Wahrheit. Sie ist inzwischen auch in Skandinavien angekommen, den bisher hilfreichsten Staaten. Der schwedische Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt hatte vor zwei Jahren seinen Landsleuten zugerufen: „Öffnet eure Herzen!". Ein Satz, der für ähnlichen Streit gesorgt hat wie „Wir schaffen das!" Kurz darauf wurde Reinfeldt abgewählt. Die Grenzen innerhalb Skandinaviens werden wieder kontrolliert.

Inzwischen hat Deutschland prozentual fast so viele Flüchtlinge aufgenommen wie Schweden. Kann das so weitergehen? Wann ist die Grenze der Belastbarkeit erreicht? In allen Parteien wird darüber gestritten, besonders erbittert in den Parteien mit dem großen C. Ist es gefährlich, Flüchtlinge willkommen zu heißen, weil dann immer mehr kommen? Oder tut es einem Land gut, ein offenes Herz für Menschen in Not zu haben? Wie finden wir heraus aus diesem Dilemma? Ich habe in der Bibel nach einer möglichen Antwort gesucht, und bin dabei auf ein eher unbekanntes Gleichnis Jesu gestoßen. „Von den ungleichen Söhnen" hat Luther es genannt, und nur der Evangelist Matthäus berichtet davon:

Da sagte Jesus: „ Was meint ihr zu folgender Geschichte ? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er sagte zu dem einen: .Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg'. ,lch will nicht", erwiderte der Sohn. Später aber überlegte er es sich und ging doch Der

Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. ,Ja, Herr!l, antwortete der, ging aber nicht. - Was glaubt ihr, wer von den beiden hat den Willen des Vaters erfüllt?' „Der erste", antworteten sie. (Matthäus 21,28-31)

Jesus ist, so würde man das heute nennen, pragmatisch. Auf die Tat kommt es an, nicht auf die gute Absicht, die schönen Worte oder den richtigen Glauben.

Ähnlich läuft es in der gegenwärtigen Debatte. Die Menschen, die Mitgefühl mit den Flüchtlingen haben, teilen sich in zwei Gruppen: auf der einen Seite die Praktiker. Menschen, die anpacken. Männer und Frauen, die beruflich oder ehrenamtlich helfen - und von denen viele die Grenzen ihrer Kräfte sehen. Auf der anderen Seite die Theoretiker, die ein unbedingtes Ja sagen zur Zuwanderung - und von denen viele ihr gewohntes Leben relativ ungestört weiterführen.

Zweierlei Arten von Mitgefühl

An der Universität Genf gibt es ein interessantes Forschungsprojekt. Die Neurowissenschaftlern Olga Klimecki unterscheidet zwei verschiedene Arten von Mitgefühl. Die eine ist die sogenannte Perspektivübernahme. Das ist die menschliche Fähigkeit, sich in andere hineinzu versetzen. Sie versuchen, die Gedanken und Nöte anderer Personen zu verstehen Sie fühlen auch die Emotionen der anderen, wissen aber, dass es nicht ihre ursprünglich eigenen Emotionen sind. Menschen, die dazu fähig sind, helfen effektiv und fühlen sich während des Helfens innerlich stark.

Die zweite Sorte von Mitgefühl nennen die Forscher empathischen Stress. Bei der Empathie, dem Sich-Einfühlen, empfindet man die Emotionen der anderen Person buchstäblich am eigenen Leib. Flat man es mit einem ängstlichen Menschen zu tun, wird man selbst ängstlich. Ist der andere voller Aggressionen, wird man auch selbst aggressiv. Ist der andere hilflos und verzweifelt, vird man davon angesteckt. So ein von seinen eigenen Gefühlen Gestresster ist für andere wenig hilfreich.

Die beiden Arten von Mitgefühl finden statt in unterschiedlichen Regionen unseres Gehirns. Bei der Perspektivübernahme ist vor allem die relativ langsam arbeitende Region hinter unserer Stirn aktiv - dort, wo auch das Ichbewusstsein zu Hause ist. Wird dagegen jemand vom anderen in das stressige Mitgefühl versetzt, vollzieht sich das in einem blitzschnell reagierenden Bereich tief im Inneren des Kopfes - genau die Stelle, in der der mitfühlende Mensch auch seine eigenen Schmerzen empfindet, sozusagen die Alarmanlage seines Gehirns.

Das Gleichnis von den ungleichen Söhnen wäre eine schöne Ergänzung für dieses Hirnforschungsprojekt. Der erste Sohn entspricht der langsamen Stirnregion. Zunächst lehnt er ab. Aber nach einiger Zeit denkt er sich hinein in seinen Vater. Er sieht ein, dass es besser ist. den Willen des alten Herrn zu erfüllen. Der zweite Sohn steht für das schnelle emotionale System im Gehirnzentrum. Er identifiziert sich mit Vaters Emotionen, übernimmt sehr schnell dessen Gefühle und bemüht sich, gute Stimmung zu verbreiten: „Klar, Papa, mach ich!" Aber dann kämpfen seine Emotionen in ihm: „Worauf habe ich mich da eingelassen?

Wo bleibe ich? Nein, soll der Patriarch doch seine Arbeit selber machen!"

Ich glaube, dass der Satz „Wir schaffen das" ganz verschieden verstanden wird, je nachdem, mit welcher Art von Mitgefühl man ihn hört. Für Menschen, die ihn mit dem nachdenklichen und planenden Stimhirn wahrnehmen, ist er eine Ermutigung: „Wir haben schon so vieles geschafft, die gegenwärtige Situation meistern wir auch." Hört man ihn dagegen mit der Alarmanlage des eigenen Hirns, dann kommt Panik auf: Der Zorn von zigtausend wütenden jungen Männern tobt in den eigenen Emotionen; die Antwort auf „Wir schaffen das" kann dann nur lauten: „Das schaffen wir niemals!"

Die Forscher in Genf haben mit ihren Versuchspersonen ein verblüffendes Experiment gemacht. Sie ließen einen Teil der Probanden eine alte indische Meditation durchführen. Sie heißt „Liebende Güte". Dabei stellt man sich eine Person vor, die einem Gutes getan hat und spricht innerlich Sätze wie „Mögest du glücklich und zufrieden sein". Als Nächstes schaut man auf sich selbst: »Möge ich glücklich und zufrieden sein". Anschließend schaut man mit den gleichen guten Gedanken auf Menschen, die man nur flüchtig kennt. Danach tut man es mit einer Person, zu der man ein schwieriges Verhältnis hat. Und am Ende richtet man die guten Wünsche und Gedanken an alle lebenden Wesen.

Die Kraft des Segens

Mich erinnert diese Übung an das, was wir in unserer Tradition Segen nennen. „Gott segne dich. Mögest du glücklich und zufrieden sein." Auch am Ende dieser Sendung werde ich wie immer einen Segen sprechen, und das ist eine gute Tradition. Wer sich dem Segen zuwendet, wendet sich Gott zu, der größeren Kraft des Lebens. Und wer segnet, gibt diese Kraft dankbar weiter.

Bei dem Forschungsprojekt in Genf zeigte sich: Wer durch die Meditation das Segnen trainiert hatte, empfand danach weniger negative Emotionen und hatte ein besseres Gespür für positive Gefühle. Wer den Segen meditiert hatte, arbeitete bei Testaufgaben und Spielen liebevoller mit anderen zusammen. Er empfand Mitgefühl in der Stirnregion, und kaum noch empathischen Stress im Alarmsystem.

So ein Segenstraining, das war das faszinierende Ergebnis der Forscher, könnte die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung insgesamt steigern und die Aggressionen senken. Unser Gehirn ist plastisch, sagen die Neurowissenschaftler. Es lässt sich verändern, man kann es trainieren.

Die Wirkung von Musik wurde in Genf nicht getestet. Aber ich denke, dass harmonische Melodien die Wahrnehmung von Segen und liebender Güte bestimmt unterstützen.

Flucht in ein gesegnetes Land

Warum streben die Menschen aus Not- und Kriegsgebieten in unser Land? Man könnte sagen: Weil sie unser Land als gesegnetes Land empfinden. Segen ist eine Kraft, die sich weitergeben lässt. Wenn eines Tages das Wunder geschieht und wieder Frieden herrschen wird in Syrien, Afghanistan und all den anderen vom Fluch des Terrors zerstörten Gebieten, dann werden die Rückkehrer den hier empfangenen Segen in ihre Heimat mitbringen können. Das wird beim Wiederaufbau eine wichtige Ressource sein: Menschen, die eine positive Vision in ihren Herzen haben von friedlichem Zusammenleben, von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung. Deshalb ist jede kleine Geste wichtig, die wir den Hilfesuchenden bei uns entgegenbringen. Sie sollten unser Land nicht nur als gesegnet erleben, sondern auch als segnend.

Dazu ist es wichtig, wie wir an die Wirklichkeit herangehen. Momentan vorherrschend in Politik, Medien und privaten Diskussionen ist die scharfe Unterscheidung. Man diskutiert, möglichst kontrovers. Man redet nicht vom Segen, sondern vom Fluch. Man setzt auf den empathischen Stress der Zuschauer. In Talkshows werden Vertreter der Extreme eingeladen, damit es ..lebendig wird'l. Menschen, die sich beschimpfen, sich möglichst nicht verstehen, und schon gar nicht gegenseitig segnen könnten. Ein Denken in Schwarz/Weiß, in Entweder/Oder. „Kompromisslos" ist eine beliebte Vokabel, „Kompromiss" fast ein Schimpfwort. Dabei siegen am Ende fast immer die Kompromisse. Nach dem Auf-den-Tisch- hauen, den großen Gesten oder gar dem Krieg - danach müssen die Gegner an einen Tisch. Sie müssen sich einigen und wieder zusammenfinden.

Wachsam werden für das Verbindende

Terrorismus lebt von der Angst, die in unseren Köpfen entsteht. Der sogenannte Islamische Staat hat ein gutes Gespür für unsere schwachen Stellen. Auch Terrorismus setzt auf Überreaktron, auf Schwarz-Weiß, aut den empathischen Stress. Das beste Gegenmittel ist der unaufgeregte Verstand, der aufmerksam ist für Zwischentöne - eben die langsame Sorte von Mitgefühl.

Aufgeregtheit tut nie gut. Wenn Politiker ihre vermeintlichen politischen Gegner in die Ecke treiben, führt das auf einen falschen Weg. Viel klüger, als sich intern anzugreifen, wäre es, die gemeinsamen Interessen zu sehen und zusammen an Lösungen zu arbeiten. Der Konsens in Deutschland ist größer, als es in den Streitgesprächen erscheint.

Wenn man angegriffen wird von einem Feind, dann ist die größte Gefahr, so zu werden wie der Feind. Jesus sagt deswegen: „Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen". Das fällt gegenüber dem Terror des sogenannten Islamischen Staates sehr schwer. Nach allem, was wir in den Medien über den IS erfahren, handelt es sich dabei um das ultimativ Böse. Eine Bedrohung, gegenüber der es keine Kompromisse geben darf, kein Verständnis und schon gar nicht Liebe. Sich in diesen Feind hineinzudenken ist für viele Menschen eine Zumutung.

Aber Jesus mutet uns das zu: die Liebe zu den Feinden, zu jedem Feind. Auch wenn es vielleicht lange dauern wird: Es wird eine Zeit kommen, da werden die Waffen niedergelegt - Greg Lake wird gleich davon singen: „Lay down your gun." Menschen im Nahen Osten werden dann auch mit ehemaligen IS-Kämpfern Zusammenleben müssen. Auf dem Weg zum Frieden wird man mit den Vertretern des IS sprechen und verhandeln müssen. Wir werden nur weiterkommen, wenn wir beide Arten des Mitgefühls nutzen: ergriffen zu

sein von dem entsetzlichen Leid, das in der Welt geschieht - und sich sorgfältig hineinzuversetzen in die anderen Menschen, und zwar in die Opfer und in die Täter. Es wird keine Lösung geben können ohne Liebe und Versöhnung, nirgends.

„Es gibt keinen Grund, zu verzweifeln! Niemals." Das steht für mich unsichtbar auf dem Kreuz, an dem Jesus starb. Er starb, lag aber nur drei Tage im Grab. Der Tod, der Zorn, der Wunsch nach Vernichtung, sie alle haben nicht das letzte Wort. Der Segen ist stärker als der Fluch. Und die Liebe, oft verspottet und diffamiert, bleibt auf ewig die größere Kraft.

In der Morgenfeier gespielte Musik:

"Send Her Your Lovo"; und "The First Garden"; Stevie Wonder; "Journey Through The Secret Life of Plants"; Vol. 2. Motown Record Corp. 1979; LC 0881.

"Lay Down Your Guns"; Emerson, Lake and Powell; aus der CD „Emerson, Lake and Powell"; Poly Gram Records 1986 LC 0309.