Dr. Hans-Gerhard Koch, Nürnberg

Nicht ohne Bremse losfahren!
Ein Plädoyer für eine menschenwürdige Zukunft

»Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit« - das klingt wie die Parole bei einer Mairede der Gewerkschaft. Es ist aber die Überschrift über das gemeinsame Wort der beiden großen Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland von 1997. Die Kirchen und die 40 000 Beteiligten am Konsultationsprozess sahen, dass der Markt nicht alles sein kann. Unsere Gesellschaft, so sagen sie, ist wie eine Brücke. Sie hat zwei Pfeiler: die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft und die Qualität der sozialen Sicherung. Fällt einer dieser Pfeiler weg, trägt die Gesellschaft die Menschen nicht mehr.
Gleichzeitig mit dem Wort der Kirchen war auch anderen die Zukunft fraglich geworden. So haben die Freistaaten Bayern und Sachsen und die SPD auf dem Wege über die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) Experten zu »Zukunftskommissionen« zusammengerufen, um Trends zu analysieren und politische Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die Zahlen sprechen eine so deutliche Sprache, dass sich die Kommissionen und auch das Wort der Kirchen beim Befund ziemlich einig sind. Das Lohnarbeitsvolumen sinkt, obwohl das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stetig steigt. Es werden heute von viel mehr Erwerbstätigen weniger Arbeitsstunden geleistet als vor 50 Jahren und damit ein Vielfaches produziert. Grund: die immer schneller steigende Produktivität menschlicher Arbeit, verstärkt durch Mechanik, Elektronik und raffinierte Organisation. Wissen und Kapital werden immer wichtiger, menschliche Arbeit vergleichsweise unwichtiger - die »Lohnquote«, der Anteil der Löhne am BIP, ist seit 1975 stetig gesunken. Die Konjunktur wird uns nicht retten - drei Prozent Wachstum im Sozialprodukt bedeuten gerade mal 200 000 Arbeitsplätze mehr. Und die berühmte Dienstleistungsgesellschaft? Auch hier gibt es enorme Rationalisierungspotenziale, wie wir es zum Beispiel bereits im Bankensektor merken.
Das Mitglied der bayerisch-sächsischen Zukunftskommission, der Soziologe Ulrich Beck, sagte: »Wir müssen uns endlich reinen Wein einschenken: Es gibt kein Zurück zur Vollbeschäftigung. Die Unternehmen brauchen nur einen Bruchteil der Jobs, um ein Vielfaches herzustellen. Zugleich haben wir - was oft vergessen wird -immer mehr Arbeitswillige. Arbeit suchende Frauen, Jugendliche, Studenten, sogar Rentner drängen in die Erwerbsarbeit. Das Zusammentreffen beider Großtrends -Erwerbsarbeit wird produktiver, schrumpft und wird vielstimmiger nachgefragt - macht das grundsätzliche Dilemma einer Gesellschaft aus, in der bezahlte Arbeit, und nur diese, das Nadelöhr ist, um alles, was sie verspricht, zu erreichen.« (Ulrich Beck, Die Seele der Demokratie, in: Gew. Monatshefte 7/8/98, 330-335)
Bezahlte Arbeit ist trotz aller Arbeitszeitverkürzung und Freizeitorientierung immer noch das Wichtigste in unserer Gesellschaft. Für die meisten Menschen hängt alles daran: das Einkommen, das Ansehen, der Tagesablauf, die Kontakte. Aber Arbeit bestimmt weniger denn je die Entscheidungen der Wirtschaft. Die bestimmen zunehmend die Verwalter des Kapitals, das immer ungehinderter und immer schneller um den Erdball jagt, auf der Suche nach möglichst zügiger Vermehrung. Nicht der Wert der Arbeit für Menschen und ihre Familien, der Börsenwert eines Unternehmens ist Maßstab. »Shareholder Value« nennt man das mit einem bekannten Un-Wort.
Drei Boote und viele Verschiebebahnhöfe
Die Gesellschaft spaltet sich zunehmend in drei Boote, wie es der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich sieht: in ein Rennboot, in dem die gut ausgebildeten, flexiblen, gefragten Leute sitzen, zum Beispiel die EDV- Experten. Hier gibt es Erwerbsarbeit in Hülle und Fülle, ja im Übermaß und zu Lasten aller anderen Lebensbereiche. Wenn sie denn Zeit dazu hätten, hätten diese Leute an den Segnungen der Gesellschaft einen immer größeren Anteil. Im zweiten Boot gibt es schon ein paar kleine Lecks. Das ist da, wo man und frau gerade noch so zurechtkommt, mal drin und mal draußen. Dann gibt es noch ein drittes Boot, das sinkt - das aus der Erwerbsgesellschaft nach unten herausfällt: in Sozialhilfe, in prekäre Beschäftigungsverhältnisse, in Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft und - nicht zuletzt - in Kriminalität und Selbstzerstörung. Was mit der sozialen und natürlichen Umwelt der Menschen - unserer Kinder - passiert, geht in die Wirtschaftlichkeitsberechnungen dieser Art nämlich nicht ein. Im Gegenteil - der fährt am besten, der sich vor möglichst vielen Sozialbeiträgen und Umweltkosten drücken und sie auf andere verlagern kann. Familien sind einer dieser Verschiebebahnhöfe: Vieles wird da abgeladen. Flexibilisierung der Arbeitszeit - die Familien zahlen die Zeche. Gut ausgebildete, charakterfeste Mitarbeiter - die Familie liefert sie. Zunehmender Arbeitsstress - die Familie baut ihn schon wieder ab. Vorruhestand - die Familie wird schon irgendwas mit den Überflüssigen machen. Wenn sie es nicht mehr aushält und zerbricht - ihr Problem. Im Übrigen könnte man ja auch Sozialamt, Polizei und Eheberatung privatisieren, vielleicht sogar an der Börse. Mit der Luft, dem Wasser und dem Boden geht es ähnlich. Wenn die Erde dann irgendwann einmal nicht mehr mitspielt - dann werden wir auch damit Geschäfte machen, dann steigen eben die Aktien der Hersteller von Gasmasken. Wer Geld hat, wird immer eine Lösung finden. Wer keines hat, muss halt sehen, dass er welches bekommt. Die Welt spaltet sich auf und wächst gleichzeitig zusammen, auf vielfache Weise: im globalen elektronischen Netz, auf dem globalen Finanzmarkt um die beste Rendite, im globalen Wettbewerb jeder gegen jeden.
Experten raten zur Flucht nach vorn
Die bayerisch-sächsische Zukunftskommission meint, dass man und frau sich dem nur anpassen könne: das Unternehmerische als Leitbild in der Gesellschaft stärken, alle Märkte, vor allem aber den Arbeitsmarkt liberalisieren und möglichst vieles, was heute noch durch Gesetze und Vorschriften bestimmt wird, freigeben, deregulieren, privatisieren. Mehr soziale Ungleichheit müsse dabei bewusst in Kauf genommen werden. Für alle, die Geld haben, aber keine sinnvolle Beschäftigung finden, schlägt die Kommission eine belohnte, aber nicht entlohnte »Bürgerarbeit« vor. Für die anderen soll es einen Ausbau einfacher, personenbezogener Dienste zu Niedriglöhnen geben - lieber Tütenpacker im Supermarkt als Arbeitslosengeldempfänger. Sozialhilfe soll gerade so hoch sein, dass Menschen nie mehr bekommen als bei noch so schlecht entlohnter Vollzeitarbeit. Damit sich auch die Regierungen richtig anstrengen, sollen die Sozialkassen mit unterschiedlichen Beiträgen je nach Bundesland regionalisiert werden. Im Einzelnen könnte man manchen dieser Vorschläge durchaus diskutieren. Aber es geht um die Grundrichtung, und die sieht den Menschen einseitig, vom geldwerten Nutzen her, und die Gesellschaft einfach als einen großen Markt. Aber ist das wirklich so einfach?
Die bayerisch-sächsische Zukunftskommission, so fürchte ich, ist einem Phantom aufgesessen: dem homo oeconomicus. So nennen die Wirtschaftswissenschaftler einen gedachten Menschen, mit dem sie ihre Berechnungen durchführen können. Er soll nur an der Maximierung seines in Geld gemessenen eigenen Nutzens interessiert sein - das ist das einzige, was ihn bewegt. Sonst werden die Berechnungen zu kompliziert. Dieser »homo oeconomicus« wird nun plötzlich von einem Konstrukt der ökonomischen Wissenschaft zum Orientierungsmaßstab für Politik. Er ist zwar weder Mann noch Frau noch Kind (und deshalb vorwiegend männlich), er ist Einzelner, prinzipiell Egoist und des eigenen Glückes Schmied, als Wirtschaftssubjekt auch nicht alt, arm oder krank, sondern ständig auf Wettbewerb und Gewinn aus. Er erspart dadurch natürlich viele Probleme.
Leitbilder ohne Menschenbilder?
Alles, was in dieses einfache Menschenbild nicht hineinpasst - Solidarität, Bewahrung des Lebens, demokratische Teilhabe oder soziale Gerechtigkeit, sind nicht so wichtig. Das zählt nur, wenn es sich für den wirtschaftlichen Gewinn rechnet ... Optimistisch ist die Zukunftskommission denn auch nur in Bezug auf die freien Unternehmerinnen und Unternehmer, denen sie die Bewältigung der Zukunft zutraut, während sie den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vor allem eine nicht mehr gerechtfertigte Unbeweglichkeit und Anspruchshaltung und den Armen vor allem den Hang zum Missbrauch von Sozialleistungen unterstellt. Einfach wie das Menschenbild ist auch das Bild von Gesellschaft und Politik. Die Kommissionsmehrheit geht erkennbar davon aus, dass Macht und Reichtum durch ihr Vorhandensein gerechtfertigt sind, dass der Markt die Probleme im Prinzip lösen kann und dass Wettbewerb ein Naturgesetz ist. Folgerichtig kann es nur um Anpassung an diese Sachzwänge gehen und nicht um ihre gestaltende Veränderung. Deutlicher kann der Kontrast zum Gemeinsamen Wort der Kirchen nicht sein, das alle diese Probleme auch anspricht, aber aus einer völlig anderen Optik sieht. Der Mensch, so die Kirchen, ist mehr als sein ökonomisches Leistungsvermögen, und seine Verantwortung drückt sich nicht nur in der Sorge um wirtschaftliche Effiz ienz aus, sondern in der Verantwortung für Strukturen eines Gemeinwesens, die den Armen »mit Verlässlichkeit Barmherzigkeit widerfahren« lassen ... Geht es den Kirchen darum, den Sozialstaat weiterzuentwickeln und »armutsfest« zu machen, so will die bayerisch-sächsische Zukunftskommission ihn auf eine Basissicherung zurechtstutzen, über die hinaus jede und jeder selbst Vorsorgen soll. »Das Prinzip Ungleichheit « betitelte die »ZEIT« ihren Artikel über den Kommissionsbericht. Wenn unter »christsozial« und »christdemokratisch« Firmierende Landesregierungen dieses Prinzip und das ihm zu Grunde liegende Menschenbild zur Grundlage ihrer langfristigen Politikkonzepte machen, kommt das Wächteramt der Kirchen zum Tragen. Sie müssen darauf aufmerksam machen, dass das christliche Menschenbild ein anderes ist und dass sie in ihrem gemeinsamen Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland einem aufs Ökonomische eingeschränkten Menschen- und Politikverständnis eine eindeutige Absage erteilt haben. Und dass - wie zuletzt das Schicksal der DDR aufgezeigt hat - eine Politik, die den Menschen verkennt, auf die Dauer auch in der Sache scheitern wird.
Eine Welt für alle
Die Frontlinie verläuft heute nicht zwischen Christen und Nichtchristen, sondern zwischen Unionschristen, Wirtschaftsliberalen und dem Rest der Welt, dies zeigt die zeitlich parallel entstandene Studie der Zukunftskommission der Friedrich-Ebert-Stiftung »Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sozialer Zusammenhalt, ökologische Nachhaltigkeit«, an der im Unterschied zu der Bayern- Sachsens auch ein Theologe, Friedhelm Hengsbach, mitgearbeitet hat. In manchem Lösungsvorschlag stimmt sie durchaus mit Bayern- Sachsen überein, so etwa in der Forderung, Innovationen und Wagniskapital zu fördern, den Kontakt zwischen Wissenschaft und Anwendung zu beschleunigen, flexiblere Arbeitsbiografien zu ermöglichen, den Staat vom Bremser zum Förderer der Erneuerung zu machen oder das Bildungssystem hin zum lebenslangen Lernen umzubauen. Auch die FES-Studie sieht mehr Arbeit für Geringqualifzierte als nötig an und entwickelt zwei alternative Modelle von Bürgergeld beziehungsweise Subventionierung der Sozialbeiträge für Niedriglöhne. Es steht dabei allerdings außer Frage, dass Arbeitseinkommen ein menschenwürdiges Leben und volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen müssen. Auch sonst verliert die FES- Kommission nie aus den Augen, dass Wirtschaft ein Teil umfassenderer Lebensprozesse ist. So fragt sie nach der Einbindung in das Ganze der bewohnbaren Erde und fordert deshalb eine entschlossene ökologische Umsteuerung unter Ausnutzung der arbeitschaffenden Aspekte einer solchen Wende. Die FES- Studie geht davon aus, dass Menschen mit ihrer Arbeit in erster Linie mit ihren Lebenspartnerinnen und Kindern leben und nicht abstrakt Gewinn machen wollen. Sie fragt deshalb danach, wie das Wirtschaftsund Sozialsystem solidarische Beziehungen fördern und ermöglichen kann. Sie kommt zu dem Schluss, dass Arbeit von Männern hin zu Frauen umverteilt werden müsse und nicht Geld von Armen zu Reichen. Die Studie geht von der Einen Welt als Lebensraum aus und fragt deshalb danach, inwieweit Umweltvorsorge in anderen Ländern mit gleichem Aufwand womöglich mehr bewirken kann als bei uns. Sie geht von einem Wandel von einer »produktorientierten Industriegesellschaft zu einer nutzungsorientierten Dienstleistungsgesellschaft« aus und entwickelt dafür die Vision einer Umorientierung der Wirtschaft von der Produktion zum umfassenden Angebot von Produkt, Wartung, Erneuerung und Rücknahme langlebiger Güter.
Welche Zukunft wollen wir?
Der Streit um die Zukunft ist in vollem Gange, auch nach der Jahrtausendwende. Es ist kein akademischer Streit. Ökonomische und politische Weichen werden gestellt. Nicht nur national wird entschieden, auch die Strukturen des kommenden Europastaates werden gezimmert. Nicht nur die bayerische Landespolitik sucht nach Langzeitkonzepten und investiert Milliarden in sie, auch eine neue Bundesregierung versucht - teilweise übereinstimmend und teilweise konträr dazu - ein Umsteuern. Nicht nur in den Staatskanzleien, auch in Vorstandsetagen und nicht zuletzt auch in Kirchenleitungen geht es um Langzeit- und Zukunftspapiere. Dass diese Papiere keinen papiernen Menschen in einer nur noch nach ihrem Geldwert taxierten Welt zur Grundlage haben, sondern den ganzen Menschen als Mann, Frau und Kind und die ganze Welt als Schöpfung Gottes, ist Verantwortung der Christen. Sieben Vorschläge für die Wahrnehmung dieser Verantwortung:
Wir brauchen einen neuen Umgang mit Arbeit
Arbeit ist viel mehr als das, was bezahlt wird. Ohne die freiwillige Arbeit von Müttern und Vätern, von pflegenden Familienangehörigen, Vereinsvorständen und Bürgerinitiativen, von Jugendgruppenleiterinnen und Elternbeiräten würde das Leben unbezahlbar und unerträglich. Wenn das so ist, dann dürfen sich das Einkommen und das Ansehen, die soziale Sicherheit und das Selbstwertgefühl nicht nur nach der Stellung im Beruf richten. Ein Mensch muss nach seiner oder ihrer gesamten Lebensleistung beurteilt werden, in allen Sektoren notwendiger Arbeit, zu Hause, im Betrieb oder im Verein. Zugleich: Wer nicht das Gefühl hat, wichtig zu sein, gebraucht zu werden, mitreden und mitwirken zu können, der wendet seine Lebensenergie gegen sich selbst und wird krank oder richtet sie gegen die anderen und wird kriminell.
Deswegen muss sinnvolle Arbeit jeder und jedem in dieser Gesellschaft in irgendeiner Weise möglich sein. Wir müssen statt des vielen Geldes, das wir Menschen fürs Nichtarbeiten zahlen, womöglich noch etwas mehr Geld für sinnvolle Beschäftigung, Weiterbildung und gesellschaftlich wichtige Arbeit in öffentlicher Verantwortung ausgeben. 3,8 Millionen Erwerbslose in der Hochkonjunktur und die gleichzeitige Klage über den Fachkräftemangel zeigen, wie groß das Missverhältnis zwischen den Menschen, wie sie nun mal sind, und der Wirtschaft, wie sie meint, sein zu müssen, inzwischen geworden ist.
Wir brauchen eine erneuerte Sozialpolitik
Wenn es aus der Sicht der christlichen Sozialethik, aber auch von der Logik der Menschenrechte her richtig ist, dass jeder Mann, jede Frau und jedes Kind ein Recht auf Leben hat und nicht nur jeder Verdienende, dann müssen Arbeit und Einkommen teilweise entkoppelt werden. Statt einer Vielzahl von sozialen Hilfen - die jede eine eigene Sozialbürokratie ernähren - sollte ein »Wirtschaftsbürgerrecht « gelten: das Recht auf ein ausreichendes Grundeinkommen etwa in Höhe des steuerlichen Existenzminimums. Das könnte ohne große Formalitäten und ohne neugierige Fragebogen einfach über das Finanzamt ausgezahlt werden - wer unter einem bestimmten Limit verdient, zahlt keine Steuern, sondern bekommt welche. Auch hier hat das Ding zwei Seiten: Mit der Abschaffung neugieriger Ämter, die immer nur mein Bestes wollen, muss auch der Anspruch des Bürgers an den Staat abgeschafft werden, dass der alles richten und regeln muss. Die Eigenverantwortung ist ein oft missbrauchtes, aber deswegen nicht einfach falsches Wort. Richtig verstanden heißt Eigenverantwortung nicht, Menschen allein zu lassen, sondern Menschen etwas zuzutrauen und zuzumuten.
Warum sollen nicht Sozialunternehmerinnen und -Unternehmer genauso wie Wirtschafts-unternehmen notwendige Dienste in Gesundheit, Umwelt und Alltagsumwelt erkennen, organisieren und mit Freiwilligen, teils ehrenamtlichen, teilsbürgergeldempfangenden Kräften, verwirklichen - sozusagen ein umfassender Zivildienst? Erziehung von Kindern und Pflege von Kranken zu Hause sollte als Bürgerarbeit von vornherein anerkannt sein. Am besten wäre es aber, wenn jeder und jede von jeder Art Arbeit etwas abbekäme: Ein Stück bezahlte Erwerbsarbeit, ein Stück Arbeit in Haus, Familie und für sich selber, und ein Stück gemeinnützige Arbeit für alle. Denn jede dieser Arbeitsarten hat ihren eigenen Wert, und kein Mensch sollte gezwungen sein, einseitig zu leben - die einen ohne wirtschaftlichen Erfolg, die anderen ohne soziale Wärme, die dritten ohne Zeit für sich selbst. Wir brauchen ein neues Verhältnis von Wirtschaft und Sozialem
Eine Wirtschaft, die nicht begreift, dass sie ständig soziales Kapital aus dem Geflecht menschlicher Beziehungen und dem Gebäude menschlicher Werte entnimmt, handelt wie die Bauern, die den Regenwald abbrennen und nach einigen Jahren feststellen, dass die kahle rote Erde keine Früchte mehr trägt. Es ist auch wirtschaftlich unsinnig, wenn soziale Werte soweit abgebaut werden, dass man sich nur mit Kautionen und Gefängnissen gegen Betrug und Gewalt absichern kann. Denn dann steigen die so genannten Transaktionskosten ins Unermessliche. Kürzlich stand in der Zeitung, dass in den USA die Quote der Gefangenen einen Rekordstand erreicht hat: 1,87 Millionen. Nachhaltig wirtschaften heißt eben nicht nur Maschinen ersetzen, wenn sie veraltet oder verbraucht sind. Eine Wirtschaft, die weiß, dass ihre wichtigste Ressource Menschen sind, wird auch Verantwortung für das Nachwachsen sozialen Kapitals übernehmen, für sinnvolle Arbeit, sozialen Frieden, familienfreundliche Lebensbedingungen und eine überlebensfähige Natur. In einem »Manifest« haben jüngst die Wissenschaftler des weltweit führenden Zukunftsforschungsinstituts, des »MIT«, gefordert, dass endlich auch die Frage der Bewahrung der natürlichen Umwelt, die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit und die Arbeitszufriedenheit der Menschen Maßstab für wirtschaftlichen Erfolg werden müssten.
Es ist Zeit, die Gesellschaft vom Geld zu befreien
Geld ist eine sehr nützliche Sache. Vor allem, wenn man und frau welches hat. Es erleichtert den Tausch von Waren, erlaubt Reisen in ferne Länder, ermöglicht Planung für die Zukunft, gibt soziale Anerkennung und vieles mehr. Geld ist aber in unserer heutigen Wirtschaft und Gesellschaft längst nicht mehr ein nützliches Mittel, sondern der Zweck, der Maßstab aller Dinge. Firmen müssen nicht mehr ihre Kosten plus einen kleinen Überschuss erwirtschaften, sondern zwölf oder mehr Prozent Umsatzrendite. Dabei haben viele Leute schon jetzt mehr Geld, als sie jemals verbrauchen können. Trotzdem wird der Geldvermehrung im Zweifelsfall alles geopfert: Arbeitsplätze, Familienzusammenhalt, Natur und kulturelle Werte. »Aber irgendwann, wenn ihr Weißen alles in Geld verwandelt habt«, sagte der kluge Indianer, »werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.« So halte ich es für nötig, dass wir das Geld, wo immer es geht, auf seine dienende Rolle zurückdrängen. Es kann nur ein Mittel, kein Maßstab sein. So könnte eine internationale Börsenumsatzsteuer von nur wenigen Promille die wildesten Spekulationsgeschäfte uninteressant machen und nebenbei noch die Vereinten Nationen verlässlich finanzieren. Lokale Währungen in Ringen für Nachbarschaftshilfe, Tauschringen, Werkstätten für jede Art von Eigenarbeit, Selbsthilfegruppen können auch Menschen ohne Geld wieder Teilhabe ermöglichen. Nicht nur Geld verleiht Freiheit, sondern die Freiheit kann auch sein, keines zu brauchen.
Es ist Zeit, zu entschleunigen
Es gibt eine alte Einsicht der christlich-jüdischen Tradition: Nur im Gegenüber von Arbeiten und Ruhen - und zwar gemeinsamem Ruhen - kann Leben gelingen. Wir sind gerade dabei, eine andere Lebensphilosophie zu der unseren zu machen: Nur im ununterbrochenen Wettlauf aller gegen alle kommen wir vorwärts. Die Schnellen fressen die Langsamen. Es ist keine Frage, welche dieser beiden Philosophien dem Menschen gemäßer ist. Tatsache ist, dass jeder Wettlauf einen Gewinner hat, aber viele Verlierer. Tatsache ist auch, dass das ständige Wetteifern um alles und jedes im Menschenleben ein zeitlich sehr begrenztes Phänomen der männlichen Frühpubertät ist. Jeder Erwachsene, der immer noch alle anderen auffordert, mit ihm um die Wette zu rennen, zu spucken oder auch zu pinkeln, würde mit Recht als unreif und kindisch belächelt. Nur unsere Wirtschaft organisieren wir so. Dabei müssten wir wissen, dass im ständigen Wettlauf die Talente der langsamen und gründlichen Menschen, der Menschen mit Einfühlungsgabe und Geduld unter- und die der schnellen, oberflächlichen und ungeduldigen Menschen überbewertet werden.
Und schließlich: Je falscher die Richtung, desto unsinniger das Tempo. Es spricht vieles dafür, dass wir unsere Gesellschaft, wenigstens in Teilbereichen, »entschleunigen« müssen, wie der Münchner Zeitforscher Karlheinz Geißler sagt. Der Feierabend wie der Sonntag sind - noch - die Chance dazu. Einem Kollegen, der meinte, die Kirche sollte in ihrem Kampf gegen Sonntagsarbeit endlich das Bremserhäuschen verlassen, entgegne ich: »Ohne Bremse fahre ich gar nicht erst los.«
Globalisierung heißt auch: Es gibt nur noch eine Welt für uns alle
Wenn es zutrifft, dass unsere Erde eine Art lebendiger Organismus ist, der viel aushält, dessen Wechselspiele und Zusammenhänge wir nicht alle kennen, müssen wir davon ausgehen, dass das Schicksal der Erde und der nichtmenschlichen Natur auch unser Schicksal ist. Es hat überhaupt keinen Sinn, den eigenen Vorgarten zu kultivieren, wenn das Ozonloch es unmöglich macht, sich im Garten in die Sonne zu setzen. Wir müssen zunächst im vereinigten Deutschland, dann im vereinigten Europa und dann in der Einen Welt verbindliche Standards durchsetzen, die die Rechte der Menschen und des Lebendigen gegenüber den Renditeansprüchen des Kapitals schützen. Auch die Globalisierung hat ihre Wahlmöglichkeiten. Sie lauten »Geld teilen« - mit Lebensmöglichkeiten für alle, oder »Welt teilen« - ein goldenes Gefängnis für die Reichen, festungsähnlich abgesichert gegen die Elendsquartiere der Armen. Wer das nicht will, muss sich in der weltweiten Bürgerbewegung engagieren, denn einen weltweiten demokratischen Staat haben wir (noch) nicht. Er kann nur in weltweiten Netzwerken und Bewegungen verantwortlicher Männer und Frauen vorweggenommen werden. Wenn nicht, werden wir einen Rückfall ins Mittelalter erleben: neues Raubrittertum, befestigte Städte und mafiöse Abhängigkeiten.
Trotzdem - kein Grund zum Pessimismus
Ich halte es für keineswegs ausgemacht, dass die Welt des Jahres 2030 noch eine Welt ist, in der ich leben möchte. Es kann sehr wohl sein, dass es eine Welt voller Gewalt, Verwüstung und Ungerechtigkeit sein wird. Die Erde, so vermuten Pessimisten, wird sich von der Krankheit homo sapiens vielleicht irgendwann selbst befreien. Christen sollten, begründet aus ihrem biblischen Glauben und aus ihren Erfahrungen mit den Armen, trotzdem Optimistinnen und Optimisten sein. Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, man dürfe die Arbeit für das Reich Gottes am jüngsten Tag getrost aus der Hand legen, vorher aber nicht. Das ist vielleicht das Neue an den Zukunftsdebatten des neuen Jahrtausends gegenüber denen des alten: Waren jene bestimmt von politischen Visionen, die mit Zwangsläufigkeit entweder das goldene Zeitalter oder den endgültigen Niedergang, also so oder so das Ende der Geschichte kommen sahen, so ist die Zukunft heute wieder offen. Neues kann sich ereignen, und Frauen und Männer können dabei etwas bewirken. Christinnen und Christen sollten sich ihrer Zukunftsverantwortung stellen.

Dr. Hans-Gerhard Koch ist Leiter des Kirchlichen Dienstes
in der Arbeitswelt der Evangelisch- Lutherischen Kirche in Bayern.

Aus: „nachrichten“ Februar 2001