"Terrorismus an Finanzmärkten“

Würzburger Professor Karl-Heinz Brodbeck übt scharfe Kritik an Banken und Politik

Frage: Herr Professor Brodeck, ich will gar nicht vorgeben, dass ich verstehe, was in der Finanzwelt eigentlich los ist. Die Märkte scheinen verrückt zu spielen, die Politik versucht mitzuhalten und beschließt Währungsrettungspakete in Höhen, bei denen man mit den Nullen durcheinander kommen kann. Können Sie mir das erklären, als wäre ich fünf Jahre alt?

Karl-Heinz Brodbeck: Ich versuch's. Die Politik versucht, mit dieser immensen Summe von 750 000 000 000 Euro ein starkes Signal setzen, eine mächtige Waffe in die Hand zu nehmen. Nur: Im Duell zwischen Finanzmärkten und Politik ist dieser Schuss immer nach hinten losgegangen. Die Politik hat bislang den Kürzeren gezogen, die Finanzmärkte, die großen Banken und Hedgefonds haben gewonnen. Eine wirkliche Regelung und Zügelung der Finanzmärkte wird seit Jahren von der Politik nicht angegangen.

Das habe ich jetzt verstanden. Aber was heißt das im Alltag?

Brodbeck: Die garantierte Geldsumme, von dem jetzt die Rede ist, bekommen letztlich die Banken. Und das heißt nichts anderes, als dass die Banken das Recht durchgesetzt haben, für jedes Risiko, das sie eingehen, zu 100 Prozent eine staatliche Garantie zu erhalten. Das haben 2008 zuerst die Amerikaner gemacht, und jetzt machen es die Europäer nach. Jeder mittel ständische Unternehmer hat das Risiko des Scheitems. Aus diesem ehernen Marktgesetz haben sich die Banken ausgeklinkt. Der Steuerzahler trägt ihr Risiko. Was konnte man an den Börsen nach der Entscheidung vom Sonntag beobachten? Die Bankaktien haben im Handel atemberaubend zugelegt, während der Euro kaum weiter abwertet. In einer seltsamen Kumpanei riskieren augenblicklich Politik und Finanzsystem unsere Zukunft, die Zukunft unserer Währung. Darauf läuft es hinaus. Die Motivation für all diese Aktionen wird aber nicht offengelegt. Sonst hätten wir vermutlich bald griechische Verhältnisse, weil die Leute auf die Straße gingen.

Was Sie da sagen, heißt doch, dass ich und jeder andere unfreiwillig die Zockerei an den Börsen finanziert, unter deren Folgen wir langfristig leiden werden?

Brodbeck: So sieht es aus. Wir sind schon sehr lange beteiligt an Märkten, von denen der normale Bürger nichts versteht. Die Amerikaner haben es vorgemacht. Wir haben die Schulden der z.B. der Landesbanken, der HypoReal Estate usw. übernommen. Und mit dem Euro-Rettungspaket hat man noch eins draufgesetzt. Wenn in amerikanischen Medien davon die Rede ist, dass die Politik jetzt „bazookas“, also panzerbrechende Waffen, in die Hand nehmen will, dann ist das Augenwischerei. In Wirklichkeit lassen die Finanzmärkte andere für die Risiken haften, die sie eingegangen sind.

Was denken Sie, wenn Sie Nachrichten lesen?

Brodbeck: Ich bin perplex, wie schnell alles geht. Vor einer Woche habe ich In einem anderen Interview gesagt, dass es für die Probleme Griechenlands eine „ketzerische Lösung“

gibt: Die europäische Zentralbank könnte entgegen ihrer erklärten Währungspolitik Staatspapiere aulkaufen. Das kam mir vor einer Woche noch extrem unwahrscheinlich vor.

Und heute ist es bereits Wirklichkeit. Zumal alle offen zugeben, dass die EZB Ramsch aufkaufen soll!

Brodbeck: Ja. Solche Lösungen kennen wir: Die Zentalbank druckt einfach Geld und kauft mit diesem Geld die toxischen Staatspapiere auf. Die mittel- und langfristige Gefahr ist eine gewaltige Vermehrung der Geldmenge, die wir bereits in den USA, Großbritannien und Japan beobachten. Das hat vielleicht aktuell noch keine unmittelbare Auswirkungen; noch schwächelt die Konjunktur bei hoher Arbeitslosigkeit. Aber mittelfristig führt das zu einer erheblichen Inflation.

Was - für den Landfunk gesprochen - bedeutet, dass dass Leben teurer wird.

Brodbeck: Ja, natürlich. Wenn die Inflationsraten hoch sind, verarmt die Bevölkerung. Das ist eine historische Tatsache.

Ihre Erklärungen sind nachvollziehbar. Aber sie machen einen ziemlich ratlos. Was soll jetzt werden?

Brodbeck: Es wird nicht ohne strukturelle Änderungen im Banksektor gehen. Wenn die Politik ihre Souveränität zurückgewinnen will, muss sie konsequent darangehen, die Rating- Agenturen in ihrer Macht zu beschneiden und den Derivatemarkt auszutrocknen. Wir haben Banken erlaubt, dass sie sich verselbstständigen. Anfang der 80er Jahren wurde der Urfehler begangen: Man hob die strikte Trennung zwischen Investment-Banking und dem Spar- und Kreditgeschäft auf. Diese Trennung wurde übrigens als in den USA Reaktion auf die Wirtschaftskrise in den 30er Jahren eingeführt.

Auf die Gefahr hin wieder wie ein blutiger Laie zu reden: Werden die Märkte manipuliert, weil am Ende doch immer die Banken und großen Institute gewinnen?

Brodbeck: Ich würde sagen, wir haben längst keine „Marktwirtschaft“, keinen funktionierenden Kapitalismus mehr. Wir haben einen vom Banksystem und den Hedgefonds vollständig kontrollierten und manipulierten Finanzmarkt. Ein Beispiel: In den USa spricht sich Obama mit starken Worten für eine massive Kontrolle der Finanzmärkten aus. Die Umsetzung aber scheitert im parlamentarischen Betrieb. Und dabei helfen die Finanzmärkte kräftig mit. Das hat man am Donnerstag vergangener Woche gesehen. An einem Tag ist der Dow Jones Index an der Börse um 1000 Punkte innerhalb einer halben Stunde nach unten gerauscht. Erst war von einer falschen Zahl in einem Computer die Rede, aber das ist mittlerweile widerlegt.

Letztlich war es eine neue Handelsform: der Hochfrequenzhandel. Dieser superschnelle Computerhandel wird von einigen wenigen Finanzinstituten bewusst eingesetzt, um die Märkte zu manipulieren. Wenn ich auch einmal etwas spekuliere, wie manche Banker, würde ich sagen: Das war der Schuss vor den Bug für die Politik, mit dem Finanzinstitute ihre Macht dokumentieren konnten und wollten. Wenn Sie so wollen, lautete die Botschaft: Ihr könnt uns gar nicht kontrollieren. Wenn ihr es versucht, ruinieren wir den Markt. Man hat immer Angst vor Terrorismus. Doch eben das ist eine andere und durchaus noch gefährlichere Form von Terrorismus, der sich an den Finanzmärkten bewegt. Das muss die Politik endlich verstehen und einschreiten.

Wenn aber vom Eingreifen die Rede ist, dann sagt zum Beispiel Kanzlerin Angela Merkel, das ghet nur international. Und das dauert doch Jahre!

Brodbeck: Dieses Verschieben auf die internationale Ebene bedeutet ja nur, dass man national nichts machen will. In Deutschland ist die Finanzreform auf 2011 verschoben worden. Es ist atemberaubend, wie die Finanzindustrie es immer wieder schafft, dass keine wirklichen Gesetze zur Einschränkung formuliert werden.

Wenn jetzt gefordert wird, dass Kinder schon in der Schule mehr über die Wirtschaft lernen sollen, ist das doch so, als würde man mit Dreckkugeln gegen Atombomben antreten, oder?

Brodbeck: Ein bisschen schon. Der Punkt ist: Finanzmarktmodelle sind extrem kompliziert. Diese Komplexität wurde benutzt, um an den Börsen faktisch Schnellballsysteme, also Betrugsmanöver zu etablieren. Und dass das bewusst passiert ist, wird jetzt offenkundig bei der Anklage der Finanzaufsicht in den USA gegen Goldmann&Sachs. Aus dem veröffentlichten E-Mail-Verkehr geht blanker Zynismus hervor: Da gibt z.B. einer der Hauptakteure zu und beglückwünscht sich, „heute wieder ein ganz undurchsichtiges Produkt geschaffen (zu) haben, dass ich selbst nicht verstehe“, um das Publikum zu täuschen. Wenn wir versuchen wollten, das an Schulen jemandem beizubringen, würde es nichts bringen, weil man den eigentlichen Trick nicht durchschaut. Mehr Wirtschaft lernen nützt gar nichts, wenn man die falschen Theorien lehrt.

Können Sie mir mal verraten, wie diese Leute noch ruhig schlafen können, die so an den Börsen agieren. Dass man Märkte ruiniert und zusammenbrechen lässt. Die sägen doch an dem Ast, auf dem sie sitzen?

Brodbeck: Nicht unbedingt. Die Banken glauben, sie könnten Märkte ja auch jedesmal nach Belieben nue mit Geld und Titeln fluten; die Staaten und Zentralbanken helfen ihnen ja dabei. Deswegen ging doch auch die Erholung im letzten Jahr im Banksektor so rasch, mit der begleitenden Legende, dass die Finanzkrise überstanden sei.

Also, entschuldigen Sie, das ist doch pervers!

Brodbeck: Natürlich. Und übertragen auf die reale Wirtschaft ist dieses System ja auch zum Scheitern verurteilt. Es muss früher oder später kollabieren. Das ist eine Blase. Erst ist die Kette hoher Verschuldung an der Pleite von Lehman Brothers gebrochen; die Banken wurden mit Zentralbank- und Steuergeldem „gerettet“, und damit ist nur die Last auf die Staaten verschoben worden. Das bedeutet: es gibt nun momentan keine Bankenpleite mehr, sondern Staatspleiten. Die andere Möglichkeit ist, die Schulden durch Inflation zu beseitigen.

Aber das müssen die Bürger zahlen.

Brodbeck: Selbstverständlich. Was immer die Griechen falsch gemacht haben mögen, der Internationale Währungsfonds drückt Regeln auf, die zur Verarmung der Bevölkerung führen.

Ich gebe zu, mir geht langsam der Optimismus aus...

Brodbeck: Ich habe leider nicht die frohe Botschaft, dass die Politik es schon richten wird. Wir müssen dahin kommen, dass die Bürger zur Politik einfach „Nein!“, „Nein“ zur bisherigen Strategie des Nichtstuns. Ich blicke mit Sympathie nach Island, wo die

Rettungspakete in einem Volksbegehren von der Bevölkerung einfach abgelehnt worden sind. Die haben einfach gesagt: Wir zahlen die Banken nicht aus. Das hat ein großes Geschrei gegeben, aber sie haben es geschafft, die Lasten und Schulden wenigstens teilweise dahin zurückzugeben, wo sie herstammen: An die Zocker im Banksystem. Ich hoffe, bei uns lernt man diese Lektion auch. Es muss aufhören, dass man den Banken Geld hinterherwirft, damit sie keine Verluste machen. Und wir bezahlen der Preis durch Staatsschulden oder Inflation.

Zur Person: Karl-Heinz Brodbeck

Seit 1992 ist Brodbeck Professor für Volkswirtschaftslehre, Volkswirtschaftspolitik, Betriebsstatistik und Kreativitätstechniken an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Außerdem gehört er zum Lehrkörper der Hochschule für Politik in München. Brodbeck (Jahrgang 1948) beschäftigt sich mit Wirtschaft auch im Zusammenhang mit Verantwortung und Ethik. Er ist Verfasser zahlreicher Darstellungen zu Wirtschaft und Philosophie. Vor kurzem hat er ein Buch mit dem Titel „Die Herrschaft des Geldes“ veröffentlicht (1193 Seiten, Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Aus „Schweinfurter Tagblatt“ 12.6.2010. Das Interview führte Carolin Kreil