Milliardenverluste

Die Banken sind außer Kontrolle Fünf Milliarden Euro hat die französische Großbank Société Générale an der Börse verloren. Der Händler Jérôme Kerviel ist festgenommen worden. Jetzt ruft mancher nach härteren Gesetzen. Doch am besten wäre es, eine marode Bank pleitegehen zu lassen - zur Abschreckung.

Der Betrug ist so unglaublich, dass Jérôme Kerviel schon bald lukrative Angebote bekommen könnte. Die großen Verlage und Filmstudios werden sich für die Geschichte des 31-jährigen Aktienhändlers interessieren. Und nicht nur sie: Auch die Aufsichtsbehörden und andere Banken werden auf eine Lehrstunde Kerviels drängen.

Die Angebote wird er vermutlich in einem Pariser Gefängnis prüfen müssen. Was der ruhige, in sich gekehrte Mann geschafft hat, lässt Bankchefs auf der ganzen Welt "Angstschauer über den Rücken laufen", wie es ein erfahrener Wall-Street- Banker beim Weltwirtschaftsforum in Davos sagt. Einen Schaden von fast fünf Milliarden Euro, so berichtete die französische Großbank, habe Kerviel mit seinen Wetten auf Börsenindizes angerichtet. So viel Geld hat noch nie ein einzelner Bankangestellter verzockt - wenngleich Experten mittlerweile bezweifeln, dass der Franzose allein und ohne Mitwisser unter seinen Vorgesetzten handelte. Außer Kerviel hat die Bank bis zu fünf weitere Manager entlassen.

Aufsichtsbehörden zeigt der Fall, dass sie nicht genug über Banken wissen. Und renommierte Ökonomen sehen sich darin bestätigt, dass die Marktwirtschaft außer Rand und Band gerät. Die Krise des internationalen Bankensystems sei ein Beispiel dafür, "dass die Selbstregulierung der Wirtschaft versagt hat", sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Der Fall Kerviel ist mehr als der größte Betrug der Finanzgeschichte Damit wird aus dem Fall Kerviel weit mehr als nur der größte Betrugsfall der Bankengeschichte. Es könnte der Tropfen sein, der ein ohnehin volles Glas zum Überlaufen bringt und zu einem kräftigen Regulierungsschub in der internationalen Finanzindustrie führt. Doch wäre das sinnvoll? Zunächst galt es, Antworten auf weitaus einfachere Fragen zu finden. Warum hatte bei der Société Générale fast ein Jahr lang niemand gemerkt, was Mitarbeiter Kerviel da treibt? Wie konnte ein Einzelner mit seinen Geschäften eine ganze Bank aufs Spiel setzen? Sichtlich geschockt musste der lang gediente Société-Générale-Chef Daniel Bouton am Donnerstag zugeben, dass die Bank noch Glück gehabt hatte. Denn sie hatte die gefährlichen Index-Futures, wie hochspekulative Wetten auf den zukünftigen Verlauf der Börsen heißen, verkaufen können, bevor es Spekulanten mitbekommen hatten. Wären die Hedgefonds dahintergekommen, wäre die Katastrophe perfekt gewesen. Die Märkte hätten gegen die Bank gewettet. "Bis zum Zehnfachen des Verlusts" der fünf Milliarden Euro, also 50 Milliarden Euro, wäre möglich gewesen, sagte Bouton. Damit wäre das Ende besiegelt gewesen - und über den globalen Bankenmarkt eine Schockwelle hinweggerollt. Dennoch wollte niemand von Boutons Kollegen in Davos mit Steinen werfen. Gegen Betrug habe man eben kaum eine Chance. "Das ist der größte Albtraum", sagte Richard Fuld, der Chef der US-Investmentbank Lehman Brothers. Und der französische Notenbankchef Christian Noyer bezeichnete den Skandal als einen "Unfall". Geheimnisse in den Hinterzimmern der Investment-Abteilungen Doch die offiziellen Statements der Konkurrenten spiegeln bestenfalls die halbe Wahrheit wider. Einige Fakten lösen nur Kopfschütteln aus. "Es gibt eine Grundregel", sagt ein Vertreter einer großen globalen Investmentbank. "Mache nie jemanden aus dem Backoffice zum Händler." Eine Regel mit gutem Grund: Denn die Hinterzimmler in den Investmentbanken, die für die Abwicklung der Geschäfte zuständig sind, kennen die Computer-Systeme genau - und somit auch, wie man sie umgehen kann. Kerviel hatte im August 2000 in einem solchen Backoffice der Société Générale begonnen und so seine Grundausbildung für den künftigen Betrug erhalten. Auch Nick Leeson, der 1995 die britische Barings Bank mit waghalsigen Geschäften zu Fall brachte, startete in der Abwicklung. Eine zweite Regel scheint die Société Générale nicht beachtet zu haben. Einmal im Jahr sollte ein Händler für mindestens zwei Wochen ohne Vorankündigung in den Urlaub geschickt werden. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass illegale Transaktionen den Risikomanagern auffallen. Aber die Kritik trifft nicht nur die französische Großbank, sondern das gesamte Bankensystem. Als Grundübel gelten die hohen Vergütungen im Investmentbanking. Was wiederum daran liegt, dass der Erfolg eines Investmentbankers, vor allem eines Händlers, sehr genau einer Person zugeschrieben werden kann. Wer also Erfolg hat, will seinen Anteil, sonst zieht er einfach weiter zur Konkurrenz. Das hat zu absurden Verhältnissen geführt: Während die besten Aktien- und Optionshändler in guten Jahren zweistellige Millionensaläre kassieren, droht ihnen bei Misserfolg im schlimmsten Fall der Rauswurf. "Das führt zu einer exzessiven Risikobereitschaft", sagt ein Banker, der den Bonuspool für mehrere Tausend Mitarbeiter verantwortet. "Es macht nichts, den Job zu verlieren, wenn man im Vorjahr zehn, zwölf oder 15 Millionen Euro verdient hat." Warum ändert er dann sein Bonussystem nicht? "Weil dann die besten Leute das Haus verlassen." Für Hans Reich, den langjährigen Vorstandschef der Förderbank KfW, ist das eine fataler Webfehler des Systems. "Hohe Boni treiben die Banker in schnelle Geschäfte, während sie eigentlich langfristig denken sollten. Das ist ein Widerspruch an sich." Angesichts von Milliarden- Abschreibungen sind sich Banker wie Ökonomen außerdem einig, dass Kreditinstitute anschaulicher und öfter über ihre Geschäfte berichten müssen. "Wir brauchen mehr Transparenz", sagt etwa Clemens Börsig, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank. "Dazu zählen insbesondere Quartalsabschlüsse in der Bewertungsqualität von Jahresabschlüssen." Banker: Northern Rock oder IKB dichtmachen Allerdings könnten die Forderungen schon bald viel weiter gehen. Zwar wird sich wohl kaum eine Regierung dazu durchringen, dass Bankengeschäft zu "demokratisieren", wie es die Anti- Globalisierungsbewegung Attac fordert. Doch gut möglich, dass die Kontrolleure mehr Auflagen machen. Das könnte theoretisch so weit gehen, dass gewisse Finanzinstrumente wie etwa die Verbriefung von Krediten und deren Verkauf an Hedgefonds eingeschränkt würden. Der Schaden wäre jedoch vermutlich größer als der Nutzen. Denn wenn Banken die Kredite nicht weiter verkaufen und so Platz in der Bilanz für neue schaffen können, würde der Wirtschaft weitaus weniger Geld zur Verfügung stehen. Die Konjunktur würde abgewürgt. Schlagworte

Vor allem aber stellt sich die Frage, ob wirklich Marktversagen vorliegt. Oder die Zentralbanken und Regulatoren nicht verhindern, dass der Markt seine disziplinierende Wirkung entfalten kann. So ist in Davos immer wieder zu hören, dass doch Politiker und Aufseher endlich mal eine der Banken pleitegehen lassen sollten. "Eine kleine Bank wie die Northern Rock oder die IKB hätte man dichtmachen müssen", sagt ein britischer Banker. "Das hätte uns allen zwar zwei, drei harte Jahre beschert. Aber dann hätte jeder verstanden, dass man nicht für ein paar gute Jahre seine Bank verwetten darf."

Aus "Welt Online" 27.01.08 www.welt.de/finanzen