Gewinner und Verlierer
Über die merkwürdige Verteilung des Reichtums in unserer Gesellschaft

Alle schimpfen immer wieder gern über die überzahlten Ackermänner und Mehdorns dieser Welt. Vor dem Hintergrund der Debatte über Rente mit 67, Bezugsdauer des rbeitslosengelds oder Höhe von Hartz-IV-Leistun-gen ist das verständlich. Aber dies wohlfeile Gezeter lenkt ab. Es verstellt den Blick auf eine skandalöse Fehlentwicklung, die viel schwerer wiegt als der Ärger über die dicken Konten der Bosse.
Schaut man sich die langfristigen Entwicklungen der Einkommen verschiedener Bevölkerungsgruppen genauer an, stellt sich schnell heraus, wer noch alles zu den Profiteuren gehört und wer die Gelackmeierten sind im System Deutschland. Die Berliner Wirtschaftswissenschaftler Gert Wagner und Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung haben die Netto-Einkünfte der Haushalte von Selbstständigen, Rentnern, Pensionären und Arbeitslosen in den vergangenen beiden Jahrzehnten ermittelt und mit dem verglichen, was die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten - also Arbeiter und Angestellte - jeweils aufs Konto bekamen. Ihr Ergebnis: herzlichen Glückwunsch für jeden, der - als Beamter oder Selbstständiger -einen Bogen um die staatlichen Sozialkassen machen kann.
Das Extrembeispiel: Die Einkommen von Pensionären, Ruhestandsbeamten, lagen zwar schon immer über dem Bevölkerungsdurchschnitt. Doch das Plus ist seit Mitte der 1980er-Jahre von 18 auf heute 40 Prozent gewachsen.
Das deutsche Sozialsystem ist eine gigantische Umverteilungsmaschine. Allerdings holt sie sich das Geld nicht bei denen, die viel davon haben, sondern bei denen, die sich nicht dagegen wehren können: den abhängig Beschäftigten und ihren Arbeitgebern. Nicht nur die Kosten des Sozialstaats und gesamtgesellschaftliche Aufgaben - von rentenwirksamen Erziehungszeiten für Mütter bis zur kostenlosen Krankenversicherung für Kinder - sind größtenteils dem Faktor Arbeit aufgebürdet worden. Seit 1990 kam auch noch ein dicker Brocken der Kosten für die deutsche Einheit dazu.Diese einseitige Lastenverteilung - nicht allein ein hohes Lohnniveau - macht Arbeit in Deutschland unverhältnismäßig teuer. Sie schafft verstärkt Anreize, Arbeitsplätze entweder wegzurationalisieren oder ins Ausland zu verlagern. Und sie veranlasst jeden, der sich das leisten kann, dem Sozialsystem zu entfliehen. Wenn die Leistungsträger aber weg sind, werden die Kosten für den Rest umso höher - ein Teufelskreis. Keine Bundesregierung hat ernsthaft daran gerüttelt. Das kann sich schon sehr bald rächen.
Wolfgang Weissgerber, Chefredakteur i. Evang. Pressedienst