100 jährige Fabel - aktuell wie damals

Es gab einmal eine fleißige Ameise inmitten eines emsigen Ameisenstaates. Eines Tages wurde ein neues Arbeitsgesetz beschlossen: Die Ameise, die in acht Tagen am fleißigsten war, wurde am neunten Tag feierlich gebraten und von den übrigen Ameisen ihres Stammes gemeinschaftlich verzehrt. Die Ameisen glaubten, dass durch das gemeinsame Verspeisen die Arbeitsfreude und Leistungsfähigkeit der fleißigsten Ameise auf alle anderen überginge. Jede fleißige Ameise hat das als ganz besondere Ehre empfunden. Trotzdem ist es einmal vorgekommen, dass eine Ameise kurz vor dem Gebratenwerden noch eine kleine Rede hielt: "Meine lieben Brüder und Schwestern, es ist mir ja ungemein angenehm, dass Ihr mich so ehren wollt! Ich muss Euch aber gestehen, dass es mir noch angenehmer sein würde, wenn ich nicht die Fleißigste wäre. Man lebt doch nicht bloß, um sich tot zu schuften." "Wozu denn? Wozu denn?" riefen alle anderen Ameisen im Chor -und sie warfen sie schnell in die Pfanne. Sonst hätte dieses dumme Tier womöglich noch mehr geredet und die Arbeitsmoral des ganzes Volkes untergraben.

(Tierfabel von Paul Scheebart 1902