Zeitzeuge

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Viele Menschen aus meiner Generation können oder wollen sich nicht mehr an die Zeit des Dritten Reiches erinnern. Die Zahl der Zeitzeugen wird naturgemäß auch immer kleiner. Junge Menschen, denen unsere Gesellschaft auch wenig Perspektiven bietet, werden durch rechte Parolen beeinflusst. Oft wurde mir auch die Frage gestellt, "Was haben Sie von Auschwitz gewusst?" Jeder persönliche Rückblick bleibt immer subjektiv, aber ich möchte mich um größte Objektivität bemühen. Wir alle wollen und sollen aus der Geschichte lernen.

Mein Vater war Lehrer und Pädagogen sind in jedem politischen System die Zielgruppe, von der man Linientreue erwartet. (So erschien auch in der Bundesrepublik im Blick auf die 68er Jahre ein RORORO Taschenbuch "Wie links dürfen Lehrer sein?") Meine Mutter war konservativ evangelisch erzogen worden und hatte eine streng evangelische Haushaltungsschule in Kitzingen besucht, bei der alle Kleidungsstücke und persönlichen Gebrauchsgüter eine persönliche Nummer tragen mussten. Mir ist ein Löffel mit der eingravierten Nummer 23 in Erinnerung.

1932 vom Land in die Stadt

1932 wurde mein Vater als Lehrer von Egloffstein/Fränk. Schweiz nach Hof/Saale versetzt, weil mein älterer Bruder (damals 8 Jahre alt) das Gymnasium besuchen sollte. Wir wohnten am Stadtrand in einem neuen Mietshaus mit acht Parteien. Dieses und zwei weitere Häuser gehörten einem Baumeister mit Baugeschäft, der überzeugter Nationalsozialist und SA-Führer war. Er verlangte von seinen Mietern, dass am 1. Mai natürlich jeder an seinen Fenstern die Flagge zeigen musste. Hier bekam ich erstmals mit, dass mein Vater offensichtlich - im Gegensatz zu meiner Mutter - nicht sehr viel von den Nationalsozialisten hielt: mein Vater bekam einen Rüffel vom Vermieter, weil wir als einzige Partei keine Hakenkreuzfahne, sondern die Schwarz-Weiß-Rote-Fahne an den Fenstern hinaus gesteckt hatten. Mein Vater warnte uns Kinder vor Herrn K., wir sollten höflich sein, aber uns nicht ausfragen lassen, denn dem Mann sei nicht zu trauen.

1936 kam ich die Volksschule. Wir hatten einen älteren sehr netten Lehrer, der für das Sammeln der "Pfundspende" für das Winterhilfswerk in seinem Wohnbezirk zuständig war. Wir Kinder zogen einen Leiterwagen und er bat um Spenden: Mehl, Zucker, Hülsenfrüchte und auch Kartoffeln haben wir nach und nach auf unser Wägelchen geladen. Meine Mutter meinte dazu/, das sei gut, damit werde armen Leuten geholfen, Mein Vater meinte, das sei "eine Masche der Partei". In unserer Familie gab es immer Auseinandersetzungen, wobei meine Mutter in der NSDAP die Partei sah, die Arbeitslosigkeit beseitigt und dem "kleinen Mann" hilft. Sie hatte eine alte Käseschachtel mit Papier beklebt und auf ihr stand: "Für die Fahrt auf der Wilhelm GustlofF. Hier sparte sie manchen Groschen, denn eines Tages sollten wir doch an einer KdF-Fahrt in der Ostsee teilnehmen können. (KdF = Kraft durch Freude). In der Schule bastelten wir zum Muttertag einen Geschenkkorb aus Klebepapier, in dem auch ein ausgeschnittenes Hakenkreuz war. Wir lernten dazu auch für daheim ein Gedicht. Ein Bilderbuch, in dem sich Kinder über den Auszug von Juden freuen, ist mir noch in Erinnerung. Dabei waren die Juden mit Knollennasen gezeichnet, die an eine 6 erinnern. Unterschwellig war die Beeinflussung durch den Staat ständig gegenwärtig, durchschaut hatte dies eigentlich nur mein Vater. Wir Kinder spielten nach, was wir bei den Großen gesehen hatten: Antreten!
Angetreten 1936

Von unserer Krankenkasse "Deutscher Erzieher", bei der wir alle versichert waren, jetzt BBK, bekam er die Mitteilung, die Versicherung würde für uns alle gekündigt, wenn er nicht Parteimitglied würde. Von einem deutschen Erzieher müsse dies erwartet werden. Er hat sich daheim sehr aufgeregt. Meine Mutter jammerte, er müsse an seine Familie denken. So wurde mein Vater gegen seinen Willen gezwungen, der Partei beizutreten, denn eine Familie ohne Versicherungsschutz konnte er nicht verantworten. Seine Aversionen gegen diese "Bauernfängerei" waren damit nur stärker geworden. Sehr gut habe ich die Ausschreitungen gegen das große jüdische Kaufhaus "Uri" in der Hof er Altstadt in Erinnerung. Überall lagen die Glasscherben herum und SA-Männer trugen Transparente "Kein Deutscher kauft bei Juden". Mein Vater war sehr erbost und meinte, das sei ein Akt der Willkür, für den wir einmal büßen mussten. Solche ungerechten Handlungen führen nur zu einem Krieg. Die jüdische Synagoge war in Hof neben dem Gebäude der Feuerwehr und des Roten Kreuzes. Wahrscheinlich gab es deswegen keine Brandstiftung. Wir hatten keine jüdischen Bekannten. Das lag vielleicht daran, dass wir erst spät nach Hof gezogen sind und offensichtlich gab es auch in dieser Stadt nicht viele Juden. Dass "Volksschädlinge" zu ihrem Schutz verhaftet und nach Dachau gebracht wurden, war mir bekannt, das wurde uns auch in der Schule gesagt.

Die "Sudetenlandkrise" bekam ich wegen der Grenznähe mit. Mit meinem Vater war ich einmal im Beiwagen unseres Motorrads bei Hohenberg/Eger an der tschechischen Grenze. Daheim wurde ich gehänselt, weil ich erzählte, "die Schechen haben herübergeschaut". Offensichtlich gefielt dieses Wortspiel meinem kindlichen Gemüt. In den Tagen der Besetzung des Sudetenlandes bekam mein Vater einen Einberufungsbefehl als Soldat, wurde aber aus gesundheitlichen Gründen nur für einige Wochen in eine Schreibstube abkommandiert. Jetzt war aber der Krieg da, den er immer vorausgesehen hatte

Zwei kleine Ereignisse sind für diese Zeit bezeichnend:. Einmal wurde mein Vater bei der Partei vorgeladen, denn auf einem Foto bei einer Feier

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(links vorne mein Vater von hinten, das offizielle Foto zeigte ihn von vorne) hatten alle Leute beim Singen des Deutschlandliedes den Arm zum Führergruß erhoben, nur mein Vater nicht. Er hatte das Taschentuch in der Hand vorm Gesicht. Die Entschuldigung, mit einer Rotznase könne man nicht singen, wurde zur Kenntnis genommen. Daheim machte er sich bei uns darüber lustig, der Gauleiter könne nicht einmal richtig deutsch. Bei seiner Ansprache hätte er ständig statt von den Garanten von den "Granaten des Sieges" gesprochen.

Bekanntlich mussten alle Fenster der Wohnung während des Krieges nach Einbruch der Dunkelheit verdunkelt werden, um den feindlichen Flugzeugen keine Ziele zu bieten. An einem unserer Fenster war offensichtlich dieser Verdunklungsrollo oben eingerissen, sodass etwas Licht auf der Straße zu sehen war. Sofort kam der Blockwart der Partei, er wohnte in unserer Straße und war von Beruf Polizist, klingelte bei uns Sturm und schnauzte meinen Vater an, er sei gewissenlos und er müsse ihn anzeigen. Mein Vater verbat sich diese Unterstellung, er werde die Verdunkelung reparieren und meinte zum Schluss: "Tun Sie, was Sie nicht lassen können". Der Blockwart hatte aus diesen Worten ein Götzzitat herausgehört und mein Vater bekam eine Anzeige. Ein Richter klärte den Sachverhalt und mein Vater wurde wegen des Defekts an der Verdunkelung verwarnt. Wir Kinder bekamen jedenfalls mit, dass in diesem Staat jedes Wort gefährlich werden konnte.

Jungvolk

Mit 10 Jahren kam ich ins Jungvolk. Ich war stolz, denn damit bekam ich die erste lange Hose. (Bis dahin hatte ich nur kurze Hosen und auch im Winter nur lange Strümpfe an einer Unterhose angeknöpft). Beim Jungvolk gefiel es mir ganz gut, denn es gab viele Geländespiele mit Keilereien und Mutproben. Weil ich körperlich groß war, bekam ich ein große Trommel, um damit an der Spitze des Fähnleins zu marschieren. Kaum brachte ich die Trommel in die Wohnung, hing auch der Haussegen schon schief. Meine Mutter meinte noch, das sei doch eine Anerkennung für ihren Sohn, während mein Vater strikt dagegen war. Er dulde es nicht, dass sein Sohn "mit so einem "Ding"herummarschiere und außerdem hätte ich eine schlechte Haltung und bekäme davon einen runden Rücken. Ich sollte also die Trommel wieder zurückgeben. Weil ich ihm sagte, das könne ich nicht, meinte er, er würde es dann eben machen. Zum nächsten Appell auf dem Hallplatz ging mein Vater mit. Er hatte die Trommel einfach unter den Arm geklemmt. Das Fähnlein war schon angetreten, da baute er sich vor dem Fähnleinführer auf, stelle ihm die Trommel vor die Füße und sagte vor versammelter Mannschaft: "Ich habe meinem Sohn verboten, eine Trommel zu tragen". Dann drehte er sich um und ging heim. Weder der Fähnleinfuhrer noch meine Eltern sprachen weiter darüber, die Sache mit der Trommel hatte sich erledigt.

Hitlerjugend - Nachrichtenausbildung - Feldscher

Mit 14 Jahren kam ich dann in die Nachrichten-HJ. Ich lernte dort Morsen mit französischen Blinkgeräten, Verlegen von Telefonleitungen mit Kabeltrommel auf dem Rücken und langen Stangen zum "Kabelbinden" in Bäumen. Mit der Schule nahmen wir bei Ernteeinsätzen in der Hallertau an Kriegs-Ernteeinsätzen teil und bekamen dafür eine „Urkunde“ für „Brot und Freiheit“.

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Die Partei hatte uns alle fest im Griff. Mit meinem Klassenkameraden Wilhelm Zorn musste ich nachts Lazarettzüge „entladen“. Wir hatten beide in der HJ eine Ausbildung als „Feldscher“ (Sanitäter) erhalten. Beim Ausladen durch die Zugfenster hatte mancher Verwundete Angst, wir könnten ihn von der Trage werfen. Nachts fuhren wir mit in die Lazarette und früh mussten wir wieder in der Schule sein.

In negativer Erinnerung habe ich einen Musiklehrer, den wir als Aushilfe hatten. Er war überzeugter Nazi und bei der SA. Er hatte den Spitznamen "die SA-Watschn". Er drohte uns, wenn nicht aufgepasst würde, bekämen wir eine "SA-Watschn, die sitzt und man steht dann nicht mehr so schnell auf.

Der Krieg verlangte von unserer Familie auch seine Opfer. Meine Mutter meldete sich als Rot-Kreuz-Helferin und war zur Essensausgabe am Bahnhof oder zum Dienst in den Lazaretten abgestellt worden. Mein Vater war längere Zeit als Soldat im heutigen Tschechien. Weil er Musiklehrer war, wurde er zur Truppenbetreuung herangezogen und leitete ein kleines Orchester. Mein Bruder wurde nach dem Abitur sofort eingezogen und wurde als Kanonier und Leutnant der Artillerie ausgebildet. Mein Schulunterricht am Gymnasium wurde teilweise in Fabriken durchgeführt, weil die Schulräume als Lazarett eingerichtet worden waren. Die "Führerreden"wurden in große Räume oder in die Aula übertragen und die Schüler mit ihren Lehrern mussten sie anhören. Im Geschichtsunterricht lernte ich viel von der römischen und griechischen Geschichte, aber ansonsten endete für uns scheinbar die Geschichte mit dem Sieg über Frankreich 1870/71. Die jüngeren Lehrkräfte waren eingezogen und so hatte ich auch wenig Geschi chtsunterri cht.

Die Einschätzung des Krieges war in unserer Familie unterschiedlich: Meine Mutter vertraute Hitler, mein Vater war überzeugt, der Krieg sei der Anfang vom Ende. Mein Bruder, ein 21jähriger Leutnant, sagte bei einem Urlaub, "nach dem Krieg müsse mit der SS und SA aufgeräumt werden".Offensichtlich hatte er von den Gräueltaten im Osten etwas gewusst, aber nie davon gesprochen.Wenn meine Mutter nicht daheim war, dann hörten wir Radio BBC. An das Erkennungszeichen der vier Paukenschläge kann ich mich noch genau erinnern. Natürlich wusste ich, dass das Abhören solcher Sendungen bei Todesstrafe verboten war.

Entgegen der NS-Propaganda bestanden meine Eltern darauf, dass ich zum Konfirmandenunterricht gehen müsse.

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So wurde ich 1944 konfirmiert und mein Vater hatte deswegen sogar einen Kurzurlaub bekommen. Die Konfirmationsgeschenke, rechts auf dem Klavier, waren Bücher, dem Krieg angepasst. Eines las ich mit Begeisterung, es hieß „Melder, Funker, Störungssucher".

Leider war mein Vater in den folgenden entscheidenden Wochen wieder in Tschechien. Die Post meines Bruders von der Ostfront blieb aus. Der gleiche Blockwart, der wegen der mangelnden Verdunklung meinen Vater angeschwärzt hatte, kam zu meiner Mutter und mir.

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Er überbrachte einen Brief vom Hauptmann meines Bruders mit der Nachricht, mein Bruder sei als vorgeschobener Beobachter der Artillerie seit Ende Juni 1944 bei Bobruisk/Rußland vermisst.

Der Blockwart wollte noch einige Floskeln anbringen, aber meine Mutter sagte unter Tränen: "Bringe Herrn X. bitte an die Tür". Damit war auch bei ihr zur Gewissheit geworden, dass Hitler und seine Partei unser Unglück waren. Mein Vater konnte ihr nur brieflich in diesen schweren Stunden bei stehen. Diese sehr persönlichen Briefe sind noch in meinem Besitz.

Mein Patenonkel Johann Berthold Ackermann ermordet im KZ

Der Bruder meines Vater, mein Patenonkel Johann, Berthold Ackermann, hatte in Gräfenberg ein Laboratorium und einen Lehrmittelversand. In der Eisenbahn unterhielt er sich bei der Fahrt von Nürnberg nach Gräfenberg mit einem Bekannten über den Krieg. Es war im Sommer 1944. Seine Bemerkung, Hitler sei an allem schuld, wurde von einer Frau, die ihn kannte, in einem anderen Abteil gehört. Sie meldete dies dem Schaffner und bei der Ankunft in Gräfenberg wurde mein Onkel am Bahnhof verhaftet. (Kurze Mitteilung für Angehörige: Häftlingsnummer: 91098, Haftkategorie: „Schutzhaft" [politischer Häftling], Zugang in Dachau: 8.8.1944, überstellt: 9.11.1944 nach KZ Bergen-Beisen.) Meine Großmutter, bei der er gewohnt hatte, bekam noch Nachricht von ihm aus dem KZ Dachau und aus dem KZ Bergen-B eisen. Es war sein letztes Lebenszeichen. (Im Gedenkbuch von Bergen-B eisen, Band 1, wird sein Name als Opfer festgehalten

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Er ist dort mit vielen anderen Häftlingen umgebracht worden. Nach meiner Pensionierung habe ich zweimal diesen Ort besucht Übrigens wusste ich nur deswegen, dass es ein KZ Bergen-Belsen gegeben hat. Von einem KZ Auschwitz hatte ich erst nach dem Krieg erfahren..

1945 mit 15 Jahren Einberufung

Bleibt noch zu berichten, dass ich als "letztes Aufgebot" mit 15 Jahren als Arbeitsdienstmann nach Buchau im heutigen Tschechien einberufen wurde.

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main-5In der Mitte bin ich mit zwei Kameraden in einem "Geländezielgarten". Gewehr, Pistole und Panzerfaust wurden uns noch als die "Bräute" des Soldaten näher gebracht. Bei Tieffliegerangriffen verlor ich meine ersten Kameraden.

Hier ist unser Trupp 2 vor der Unterkunft. Es war ein Barackenlager an einem Waldrand..

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main-6Die Dienstanweisungen, obwohl doch überall die Alliierten vorgerückt waren, wurden peinlich durchgeführt. In weißen Drillichanzügen mussten wir zum Sport. Bei diesen Übungen mit geschälten Baumstämmen in weißen Trillichanzügen überflog uns ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug Typ Lightning. Hätte gerne gewußt, worüber sich die Piloten bei diesem Anblick unerhalten haben. Kurze Zeit später kamen dann die Tiefflieger und deckten das Gelände mit Bomben und Bordwaffen ein.

Es war unsere letzte „Baumstammübung“ und leider gab es auch Tote und Verwundete. Ernüchternd auch nach Unterweisungen mit der Panzerfaust: In einem Steinbruch wurde uns diese Waffe von einem Unteroffizier mit vielen Panzern auf den Ärmeln (für jeden abgeschossenen Panzer einen Aufnäher) vorgeführt. Ein Holzhaufen diente als Ziel. Peinlich, der erste Schuss war zu kurz, erst beim zweiten Schuss dann der Treffer. Wenn einem „Experten“ mit stehendem Ziel das passiert - wir hatten kein großes Vertrauen in diese Waffe.
Zwei Unterweisungen schienen unseren Führern noch wichtig: ein russischer Kommissar sei an der Mütze zu erkennen und zu erschießen - und General Schöner sei unser Befehlshaber und jede Fahnenflucht würde mit dem Tod bestraft.

Nun führte ich ein "Kriegstagebuch“ und finde unter dem 20. April 1945, Hitlers Geburtstag, diesen Eintrag:

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Tieffliegerangriffe und ein schwerer Angriff auf Karlsbad zwangen uns zu gefährlichen Nachtmärschen. Eine Wunde am Knie und Mandelentzündung führten zu meiner Einlieferung in das Reservelazarett IV nach Karlsbad-Maierhöfen, wo man Diphtherie feststellte. Eintrag im Tagebuch: "Ich schlafe neben dem Kleinen mit dem Splitter im Kopf." Dann kam ich in die Isolierstation und wurde von den Schwestern als Jüngster fast mütterlich umsorgt. Tagebuch 2.Mai 1945: "Neue Schwester Martha, sie ist Nürnbergerin, sagt uns, der Führer sei gefallen, Göring ist mit seiner Frau und den Kindern nach Schweden, Mussolini auf der Flucht in die Schweiz erschossen, den Oberbefehl hat Admiral Dönitz übernommen". (Die tatsächlichen Ereignisse waren, wie wir heute wissen, ganz anders.)
Vom Fenster aus sehe ich laut Tagebuch 9. Mai 1945: "Die Landser hauen alle ab, ich werde es auch so machen...tausche zwei Päckchen Tabak gegen Fliegermesser.
Ich bekomme meinen Entlassungsschein aus dem Lazarett unterschrieben von Stabsarzt Dr .Prager. Er entlässt mich am Kriegsende mit einem Herzfehler in die Heimat:

lazarett

Am 10. Mai halten uns Amerikaner an einer Kreuzung auf. Ich bekomme irgendwie mit, dass wir den Russen übergeben werden sollen. Abends um 19 Uhr verstecke ich mich mit einigen Landsern hinter einem Haus und wir laufen an der Eger abseits der Straße im Wald bis nach Ellbogen (Loket). Ein farbiger Amerikaner schickt uns in eine Baracke, wo wir nachts auf Feldpostbriefen und Zahlkarten schlafen. Es war kalt und wir hatten keine Decke. Früh um 5 Uhr gibt mir dieser Amerikaner an einem offenen Feuer Kaffee und etwas Essen und schickt mich wegen meiner Verbände zum amerikanischen Verbandsplatz über die Egerbrücke. Wahrscheinlich war er indirekt mein Retter, denn später sollen die Russen das rechte/nördliche Egerufer besetzt haben.

Mit Landsern laufe ich bis vor Falkenau (Sokolov), wo wir von Amerikanern, geschützt vor den Tschechen durch aufgepflanzte Bajonette, durch den Ort geführt werden. Ich sehe viele Erhängte, denn Jahre später erfahre ich, dass dort auch ein KZ- Außenlager war. Jetzt beginnt die Rache, wie sie allen Besatzern droht. Das lateinische Sprichwort „vae victis" hat leider Gültigkeit - bis in unsere Tage!

Der Flugplatz in Eger (Cheb), umgepflügt, ein riesiges Gefangenenlager der Amerikaner, wird meine Bleibe. Die Größe des Lagers erkennt man nur nachts an den aufgestellten Scheinwerfern. Unter den Flügeln einer gesprengten HE111 haben wir Grasschollen aufgestapelt, die uns so etwas vor Kälte und Regen schützen sollen. 
Es gibt nichts zum Essen, wir sammeln Brennnessel und benutzen als Salz das Pulver aus Patronen. Es ist ein Hungerlagerund am 17. Mai steht im Tagebuch: "Wenn ich aufstehe, so dreht es mich und mir wird schwarz vor den Augen".

Eine Untersuchung durch Stabsarzt Dr. Berger ergibt meinen schlechten Gesundheitszustand. 

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Nachdem man auch unter meinen Oberarmen keine Blutgruppentätowierungen (Merkmal derSS) gefunden hat, bekommen ich meinen Entlassungsschein. Warum er als „Secret" eingestuft wurde, weiß ich nicht. Später komme ich auf offenem LKW in das zerstörte Bayreuth und nach zwei Tagen Fußmarsch auf der Autobahn nach Hof.


Tagebuch - Heimkehr - Abitur

Meine Mutter traf ich nach meiner Heimkehr sterbenskrank an: ein Wichtigtuer hatte erzählt, ich sei im Lazarett in Karlsbad gestorben. Den Tod ihrer beiden Söhne hätte sie als 44jährige Frau nicht verkraftet. Gestorben war bei ihr endgültig der Glaube an das Dritte Reich.
Um Lebensmittelmarken zu bekommen mussten alle Papier bei der Stadtverwaltung vorgelegt werden.
Ich wurde als „Schwerkriegsbeschädigter Stufe zwei" eingestuft und bekam eine Einweisung in zwei Versehrtenheime:


ZZVersehrterversehrt

Kurios noch die Entnazifizierung meines Vater: als Parteimitglied musste er sich verantworten. Zuerst wurde er als Aktivist verurteilt. Er leitete ein Symphonieorchester und weil dieses Orchester "Kreissymphonieorchester" hieß, das mit der Partei nichts zu tun hatte, wurde er wie ein "Kreisleiter der NSDAP" verurteilt. Er musste als Strafe den Musikfundus des Hofer Theaters erfassen und ordnen. Erst später wurde er rehabilitiert und als Mitläufer eingestuft und kehrte als Studienrat für Musik an das Lyzeum zurück.

Nach dieser Zeit musste ich wieder die Schulbank drücken. Griechisch und Latein hatte ich teilweise vergessen. Mit 20 Jahren konnte ich endlich mein Abitur zu machen.

Oft wird behauptet, wir seien die Generation, die um ihre Jugend betrogen wurde. Ich sehe es anders. Die Zeit hat mich schneller reifen lassen und gerade dank meines in der Politik zerstrittenen Elternhauses habe ich gegenüber Leitbildern und Trends eine gesunde Skepsis erworben.

Das Kriegstagebuch, halbierte Heftseiten mit Zwirn zusammengehalten, habe ich behalten können.

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Es bringt viel, wenn man ein Tagebuch führt. Gerade als alter Mensch kann man sich dann zurückerinnern. Erfolge, Fehler, Irrtümer, Höhen und Tiefen unseres Lebens bleiben so in unserer Erinnerung erhalten. Ein Tagebuch wird so auch zur Vergangenheitsbewältigung.

Wir lernen nie aus!

Bert Ackermann, 97532 Üchtelhausen O.T. Hesselbach, Steigerwaldstr. 7