Stress im Klassenzimmer
Der Lehrerjob ist heutzutage nichts für Leute mit schwachen Nerven. Mancher Pädagoge fühlt sich überfordert, weil er vor den Schülern eher als Löwenbändiger denn als Lehrperson agiert. Mit dem Alltagsstress im Klassenzimmer kommen daher immer weniger Lehrer klar: Etwa jeder Dritte fühlt sich beruflich ausgebrannt, genauso viele vom Job überfordert. Zwei Drittel kehren sogar lange vor dem eigentlichen Ruhestand der Schule für immer den Rücken.

Schon Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel konnte ein Lied davon singen, wie schwer der Beruf sein kann. Die bösen Buben Max und Moritz plagten ihn gar arg mit ihren üblen Streichen.
Nicht viel anders scheint es den Lehrern heute zu gehen: Sie stehen gehörig unter Zeitdruck, müssen sich pro Vormittag auf bis zu 150 verschiedene Kinder einlassen, sind in den Pausen dem Lärmpegel einer Autohupe ausgesetzt und liegen außerdem häufig mit schwierigen Schülern im Clinch. Das kann gehörig nerven.
Für so manchen Lehrer können offensichtlich auch die angenehmen Seiten des Berufs - eine unterrichtsfreie Zeit von bis zu 14 Wochen im Jahr, eine zum Großteil frei gestaltbare Arbeitszeit sowie eine nicht üppige, aber doch ordentliche Bezahlung - diesen Stress nicht ausgleichen. Viele schließen daher schon lange vor dem Pensionsalter die Schultür endgültig hinter sich zu:
Rund 70 Prozent der Lehrer lassen sich aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand versetzen - davon zählt jeder Fünfte noch nicht einmal 50 Jahre.
Forscher der Universität Potsdam haben deshalb untersucht, wie sehr der Schulalltag die Gesundheit und das Nervenkostüm von Pädagogen strapaziert. Bei der Befragung kristallisierten sich schwerpunktmäßig vier verschiedene Verhaltens-Typen heraus:
1. Der Gesunde. Ein solcher Mensch schafft es, genügend Distanz zur Arbeit zu halten und mit dem Leben zufrieden zu sein, obwohl er im Job ordentlich ran geht. In dieser Kategorie fühlt sich nur jeder sechste Lehrer heimisch.
2. Der Sich-Schonende. Vertreter dieser Rubrik haben von allen vier Stress-
Typen den geringsten beruflichen Ehrgeiz, lassen auch mal Fünfe gerade sein und sind kaum bereit, sich im Job über Gebühr anzustrengen. Wer sich beruflich im Schongang bewegt, hat zumeist ein ruhiges und zufriedenes Dasein. Bundesweit kann man 18 Prozent der Lehrer zu dieser Gruppe zählen.
3. Der Frustrierte. Das sind die Power-Typen, die ihre Leistungsgrenze ständig hochschrauben, 150-prozentig sind, sich aber auch verausgaben. Sie schaffen es kaum abzuschalten und sind häufig unzufrieden, weil ihr Engagement nicht genügend gewürdigt wird.
Jeder dritte Lehrer zählt zum Frust-Typ, der sich zwar engagiert, dafür aber nicht die erhoffte Anerkennung erhält.
4. Der Ausgebrannte. Solche Menschen plagen sich mit dem so genannten Burn-out-Syndrom, das man zumeist von Top-Managern kennt, die ihren Energiemotor zu lange auf Höchsttouren gefahren haben. Plötzlich geht nichts mehr, das Arbeitsengagement wird gering, und es fällt den Ausgebrannten immer schwerer, überhaupt noch Belastungen zu schultern und Enttäuschungen oder Stress auszuhalten. In dieser Gruppe sind Pädagogen ebenfalls recht häufig zu finden:
Zur Gruppe der “Ausgebrannten" kann man bundesweit rund ein Drittel der Lehrkräfte rechnen.
Um herauszubekommen, warum Lehrern der Psycho-Stress besonders stark zu schaffen macht, haben die Potsdamer Wissenschaftler untersucht, wie Lehrer und Menschen aus anderen Berufsgruppen damit umgehen. Die Ergebnisse lassen sich so zusammenfassen:
• Einsatzfreude: Bei Existenzgründern und Führungskräften sind Ehrgeiz und Karrierestreben die Schubkräfte für den Power-Alltag. Lehrer schneiden in puncto Arbeitsengagement dagegen am schlechtesten ab - für sie bietet die Schullaufbahn eben wenig Aufstiegsmöglichkeiten. Das dämpft den Ehrgeiz und die Lust, sich ins Zeug zu legen.
• Bereitschaft zur Verausgabung: Stärker als andere Gruppen stellen Lehrer der Untersuchung zufolge persönliche Ziele im Job hintan. Zugleich verausgaben sie sich unbeabsichtigt mehr,
als ihnen gut täte. Offensichtlich wird aber auch viel Energie vergeudet, weil man zu wenig über professionelle Konfliktbewältigung weiß und die Arbeit nicht immer so effizient organisiert wird, wie dies in anderen Berufsgruppen der Fall ist.
Existenzgründer und Führungskräfte haben demgegenüber zwar mehr Stress, weil sie ständig unter Erfolgsdruck stehen; sie wissen ihre Kräfte aber besser zu dosieren und sind eher in der Lage, Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen.
• Fähigkeit zur Distanzierung: Feuerwehrleute, Verwaltungsangestellte, Krankenschwestern und -pfleger, aber auch Führungskräfte können sich leichter vom Problemdruck ihres Jobs lösen als Lehrer und Existenzgründer. So ist etwa beim Brandbekämpfer der Einsatz selbst zwar ausgesprochen brenzlig und fordert den vollen Mann — ist das Feuer aber gelöscht, ist der Job getan.
Lehrer empfinden sich demgegenüber stärker im Dauer-Stress. Als besonders belastend gelten der Umgang mit schwierigen Schülern, große Klassen, die Zahl der Unterrichtsstunden sowie die neben dem Unterricht zu bewältigenden sonstigen Aufgaben.
Dabei können die Pädagogen bei geschickter Gestaltung ihrer Arbeitszeit eigentlich mit einem recht geringen Stundenpensum auskommen, wie eine Befragung nordrhein-westfälischer Lehrer zur Arbeitszeit zeigt:
Die nordrhein-westfälischen Gymnasiallehrer benötigen nach eigener Einschätzung mindestens 930 Stunden im Jahr für die Planung, Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts, die Grundschullehrer rund 1.300 Stunden.
Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer kommt auf eine Jahresarbeitszeit von rund l .700 Stunden.
Allerdings langt nicht allen Lehrern ein solch geringer Aufwand. Einige bringen es nach Selbstauskunft pro Schuljahr auf eine Arbeitszeit von sage und schreibe 3.500 Stunden. Doch das scheint auch bei Einbeziehung von mehrtägigen Wanderfahrten, Projektwochen, Organisations- und Verwaltungsaufgaben oder langen Fortbildungszeiten reichlich hochgegriffen. Bei 200 Arbeitstagen im Jahr kämen diese Pädagogen auf eine - recht unwahrscheinliche - tägliche Arbeitszeit von im Schnitt mehr als 17 Stunden.
Dass der Lehrer-Job oftmals kein Zuckerschlecken ist, lässt sich schwerlich bestreiten. Allerdings könnte er weniger aufreibend sein, wenn die Lehrer ein besseres Zeitmanagement hätten, ihre Arbeit effizienter organisierten oder von administrativen Aufgaben befreit wären, für die sie nicht qualifiziert sind. Die Potsdamer Forscher empfehlen zudem, bei der Ausbildung der Pädagogen zusätzlich Strategien zur Konfliktbewältigung zu vermitteln, um dem Psycho-Stress in der Schule und seinen Folgen gar nicht erst Vorschub zu leisten.
In Brandenburg lernten daher angehende Lehrer während verschiedener Projekte nicht nur, wie sie Grundschülern das ABC und Pennälern die höhere Mathematik einpauken. Darüber hinaus brachten professionelle Trainer den Pädagogen in spe während der Ausbildung bei, wie sie Konfliktsituationen im späteren Beruf bewältigen können und wie man gezielt entspannt.