Jesus hat nicht zwischen Politik und Seelenheil getrennt


Burkhard Hose (51) geht seit vielen Jahren gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus auf die Straße. Der katholische Hochschulpfarrer setzt sich – gerne auch wortgewaltig – für Flüchtlinge und andere Minderheiten ein. Für Hose, der aus Hammelburg (Lkr. Bad Kissingen) stammt, ist politisches Engagement fester Bestandteil der Seelsorge. Jetzt hat er ein neues Buch geschrieben. „Seid laut“ versteht der Priester als „Plädoyer für ein politisch engagiertes Christentum“. Im Interview erklärt er, dass schon Jesus und die Propheten politisch unterwegs waren.

Frage: Herr Hose, in Ihrem Buch fordern Sie Christen auf, sich politisch zu engagieren, laut zu sein. Warum gerade Christen?

Burkhard Hose: Wir erleben, dass sich immer mehr Leute in der Politik auf das Christentum berufen. Denken Sie an Pegida, wo die Demonstranten Kreuze trugen und vermeintlich christliche Werte beschworen. Der bayerische Ministerpräsident lässt Kreuze aufhängen mit der Begründung, es handle sich um ein Symbol bayerischer Identität. Längst ist das Christliche Thema in der Politik, aber zu meiner Verwunderung zusehends ohne die Kirchen und die Christen. Mich beschäftigt die Frage: Was können wir als Christen positiv zur Gestaltung der Gesellschaft einbringen. Und meine Grundannahme ist: Wir haben etwas einzubringen. Die christliche Botschaft hat politische Relevanz.

Wäre Jesus heute wie Sie auf die Straße gegangen?

Hose: Jesus von Nazareth war auf der Straße. Das war das Besondere an ihm, damit hat er zu Lebzeiten provoziert. Er hat auf der Straße Sünden vergeben, und zwar in einer Form, die eigentlich dem Kult im Tempel vorbehalten war. Hier das Heilige, dort das Profane, diese Unterscheidung aufzulösen, zeichnete Jesus aus.

Gibt es weitere Beispiele für politisches Engagement in der Bibel?

Hose: Jesus steht in einer Linie mit den Propheten im Alten Testament. Amos und Hosea klagen die Ungerechtigkeit ihrer Zeit an und kritisieren gleichzeitig die Selbstgenügsamkeit der Religion. Während die einen mit großer Perfektion Gottesdienste feiern, verhungern draußen die Leute. Amos findet da im Namen Gottes scharfe Worte: Ich hasse eure Feste, ich kann eure Lieder nicht mehr hören, ich verachte eure Opfer.

Zum einen sollen Christen politisch sein, zum anderen legen Sie auch an die Politik christliche Maßstäbe an. Ein Widerspruch zum Trennungsgebot zwischen Staat und Kirche?

Hose: Nein, das sehe ich nicht so. Es gibt ja sogar Parteien, die das C in ihrem Namen tragen. Da liegt es nahe zu fragen: Wie christlich handeln eigentlich diese Parteien, also CSU und CDU? Mit der Initiative „Kennzeichen christlicher und sozialer Politik“, die Beatrice von Weizsäcker, Jörg Alt und ich ins Leben gerufen haben, wollen wir schauen, inwieweit das tagtägliche Reden und Handeln dem gerecht wird, was die Parteien an christlichen Werten für sich in Anspruch nehmen. Da gibt es gerade in der Asylpolitik große Widersprüche.

Der Kreuzerlass von Markus Söder hat Sie besonders empört. Warum eigentlich? Muss man als Christ nicht froh sein, wenn Politiker offensiv zum Glauben stehen?

Hose: Wenn sie das für sich persönlich tun, finde ich das natürlich toll. Und da gibt es auch sehr viele Politiker, übrigens in fast allen Parteien, die ich sehr überzeugend erlebe, wenn sie fragen, was hat mein Glaube mit meinem politischen Wirken zu tun. Markus Söder hat aber nicht sein persönliches Bekenntnis abgelegt, er hat als Ministerpräsident aus einer Position der Macht heraus demonstrativ ein Kreuz an die Wand genagelt. Ihm ging es darum, das Christentum und die hier gängige Kultur als etwas Überlegenes darzustellen gegenüber den Menschen, die zu uns kommen, gegenüber dem Islam. Als Zeichen von Überheblichkeit und Ausgrenzung taugt das Kreuz aber nicht.

Sie haben in einem offenen Brief geschrieben, die Kreuze würden von den Wänden fallen, wenn sie könnten. Das hat heftige Reaktionen hervorgerufen. CSU-Generalsekretär Markus Blume hat Priestern wie Ihnen die Verleugnung ihrer eigenen Religion vorgeworfen. Trifft Sie das?

Hose: Nein, es trifft mich nicht. Weil Blume und andere völlig daneben liegen. Ich sehe mich in einer guten Tradition. Der Würzburger Bischof und spätere Kardinal Julius Döpfner hat 1948 in seinem ersten Hirtenbrief die offensichtliche Antihaltung der einheimischen Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen und Vertriebenen mit eindringlichen Worten kritisiert. Wenn ihr euch der Hilfe und der Nächstenliebe entzieht, dann holt die Kreuze von den Türmen und Wänden, predigte Döpfner. Da könnte man sagen: Der Bischof spricht in unsere Zeit hinein. Ich habe diese Kritik nicht erfunden. Aber es wurde Zeit, sich jetzt wieder zu äußern. Die Schere zwischen der Mitmenschlichkeit und Solidarität, die uns das Kreuz auferlegt, und der Politik, die da im Namen des Christentums vertreten wird, ist zu groß geworden.

Können Sie Menschen verstehen, die sagen, die Kirche solle sich ums Seelenheil ihrer Schäfchen kümmern statt sich in Politik einzumischen?

Hose: Denen sage ich, diese Trennung geht einfach nicht auf. Wenn ich abends mit dem Hund unterwegs bin und alte Menschen sehe, die in der Dunkelheit Flaschen sammeln, dann hat das etwas mit Seelenheil zu tun. Und gleichzeitig ist es Politik. Diese Trennung gilt nicht, die galt auch für Jesus nicht. Er war sich von Anfang an der politischen Relevanz seiner Botschaft bewusst, weil er sich um die Menschen und deren Nöte gesorgt hat.

Warum, glauben Sie, gehen so wenige Priester auf die Straße?

Hose: Es ist immer eine Gratwanderung. Ich erinnere mich auch an Zeiten, wo es Wahlempfehlungen von der Kanzel gab. Das finde auch ich nicht in Ordnung. Ich weiß auch, dass man schnell mal parteipolitisch vereinnahmt wird. Ich glaube, dass viele Kollegen davor Angst haben und sich lieber ganz aus dem Politischen heraushalten, damit aber eigentlich auch aus dem Leben der Menschen. Das Zusammenleben der Menschen in dieser Gesellschaft zu gestalten, das ist Politik. Und es ist gut, wenn wir als Christen da Positives zu beitragen können.

Sie engagieren sich für geflüchtete Menschen, Sie demonstrieren gegen Rassismus und Fremdenhass. Im Buch fordern Sie auch mehr Einsatz gegen soziale Ungerechtigkeit. Was kann Kirche hier tun?

Hose: Gerade von den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden wird schon sehr viel getan, nicht nur für Geflüchtete, auch für sozial benachteiligte Einheimische. Aber wer über Armut spricht, der muss, glaube ich, auch mehr über den Reichtum sprechen – und über die ungerechte Verteilung des Reichtums. Schon in der Bibel wird Reichtum massiv kritisiert, wenn es heißt: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Himmelreich gelangt. Den Reichen hat es gar nicht geschmeckt im frühen Christentum, als Paulus im Galaterbrief sagt: Es gibt weder Sklaven noch Freie, weder Griechen noch Juden, weder Frauen noch Männer. Dahinter steht Statusgleichheit als gesellschaftliches Konzept. Ich glaube, die Kirchen sollten und könnten auf diesem Fundament sich häufiger noch zu Fragen der Gerechtigkeit äußern.

Und mit gutem Beispiel vorangehen, was den eigenen Reichtum betrifft?

Hose: Papst Franziskus hat zu Beginn seines Pontifikats gesagt, dass er sich eine Kirche der Armen wünscht, im Sinne auch einer armen Kirche. Da sind wir noch weit weg davon, aber wenn Franziskus sich für Geflüchtete, für Obdachlose, für die Verlierer des Kapitalismus einsetzt, gibt er zumindest verbal schon mal eine Richtung vor.

Verzweifeln Sie manchmal, wenn Sie die politische Realität erleben?

Hose: Gerade in den letzten Wochen gab es Augenblicke, wo ich mich gefragt habe: Wie weit soll es noch gehen mit der Entmenschlichung der Politik? Einer Politik, die letztlich Menschen tötet. Menschen ertrinken im Mittelmeer, weil Seenotrettungsschiffe nicht auslaufen dürfen. Gleichzeitig sprechen Politiker von Asyltourismus. Das ist zynisch. Dieser Zynismus lässt mich an meine Grenzen kommen, da spüre ich sehr wohl Verzweiflung.

Schweinfurter Tagblatt 16.7.2018