Kampf um die Aufmerksamkeit Ex-Google-Mitarbeiter warnt vor der digitalen Kontrolle über den Menschen

James Williams (35) arbeitet mittlerweite im »Design Ethics Lab« an der Oxford University

Wir leben in einer Asymmetrie der Macht, sagt der ehemalige Google-Mitarbeiter James Williams: Technologiekonzerne wie Facebook könnten »mit einem Mausklick die gesamte Menschheit« beeinflussen.

James Williams weiß, wie das Herz von Google schlägt. Zehn Jahre hat er für den Internet-Giganten gearbeitet. Dann wechselte er radikal die Seiten. Heute tritt er ein für eine Ethik des Netzes. Im exklusiven Sonntagsblatt- Videointerview erklärt er, wie wir die »Aufmerksamkeits-Falle« des Internets überwinden können.

Williams ist überzeugt davon, dass heute nicht die Menge der Information unser Problem ist, sondern die Frage nach der Aufmerksamkeit. Um diese herum habe sich eine ganze Industrie gebildet. Unternehmen kaufen die Aufmerksamkeit, Plattformen wie Google und Facebook nutzen sie in ihren Algorithmen. Die Macht der Aufmerksamkeit werde immer mehr zentralisiert in den Händenvon wenigen Unternehmen. Nie zuvor in der Geschichte sei es einzelnen Unternehmern wie Facebook möglich gewesen, »mit einem Mausklick die gesamte Menschheit« zu beeinflussen. »Wir leben in einer Asymmetrie der Macht, und es ist dringend geboten, sich mit der Ethik des Netzes zu beschäftigen«, sagt Williams.

Zehn Jahre lang beschäftigte sich der Software-Entwickler bei Google intensiv mit der »Aufmerksamkeitsökonomie« der Nutzer. Im Wesentlichen sollte er dort Wege finden, die maximale Aufmerksamkeit des Kunden über Anzeigen und Tools wie Algorithmen zu erreichen, und zwar vollautomatisch. Das gelang ihm offenbar so gut, dass er von Google mit dem Founders Award ausgezeichnet wurde - der höchsten Ehrung, die das Unternehmen verleiht. Was Williams gelernt hat, kehrt er nun ins Gegenteil um. Das ist ungemein gewinnbringend, denn natürlich kennt Williams das Unternehmen und dessen Strukturen besser als viele andere. Seine »Ethik der Aufmerksamkeit« basiert auf praktischen Erfahrungen. Sein im Juli erschienenes Buch »Stand out of our light: Freedom and Persuasion in the Attention Economy« (auf Deutsch: Erhebe dich aus unserem Licht: Freiheit und Überzeugung in der Aufmerksamkeitsökonomie). Das Buch ist noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Es lässt sich in vier wesentlichen Thesen zusammenfassen: Unsere Aufmerksamkeit ist gefährdet, Unternehmen manipulieren unsere Emotionen, Technologie sollte dem Menschen wieder dienen, das Vokabular der Marketing-Fachleute durchbrechen.

Williams beteiligt sich auch an der Kampagne »Time well spent«, in der es darum geht, die Zeit im Internet gut und sinnvoll zu nutzen. Dabei geht es zum Beispiel darum, wie wir die Kontrolle über unser Smartphone wieder zurückgewinnen können.

RiekeC. Harmsen

Quelle: Sonntagsblatt 12.8.2018